05.11.2013

Publikation # [358]

Rezension: Uta und Thilo von Debschitz (Hg.), »Fritz Kahn«, Köln: Taschen, 2013.
Veröffentlichung in: WDR 3 »Mosaik«, 5.11.2013
www.wdr3.de



Zu dieser Publikation

Mit Bildern erklären wir uns wieder die Welt. In Zeitungen, Zeitschriften und im Internet erleben großformatige Illustrationen komplexer Sachverhalte eine Renaissance. Die attraktiv gestalteten Schaubilder befriedigen unser Bedürfnis, die unübersichtliche Welt einfach erklärt zu bekommen. Diese Grafiken folgen einem aufklärerischen Impetus, der neudeutsch »visual storytelling« genannt wird. Die Themen werden nicht statisch – als Statistik –, sondern dynamisch als Ablauf dargestellt. Kurze Texte, prägnante Zahlen und Pfeile ergänzen die illustrativen Bildelemente. Daraus ergibt sich für jeden Leser eine Geschichte, die er sich in seinem eigenen Tempo erzählen kann, um die unterschiedlichen Aspekte eines Themas in ihrem Zusammenhang zu verstehen.

Fritz Kahn war einer der ersten, die auf diese Technik gesetzt haben. Der Arzt war in der Weimarer Republik als Autor populärwissenschaftlicher Werke damit erfolgreich, biologische und physikalische Vorgänge zu vermitteln. Nach der Machtergreifung der Nazis flieht Kahn vor den Nazis und findet schließlich Exil in den USA durch die Fürsprache Albert Einsteins.

Ähnlich wie Otto Neurath und Gerd Arntz, handelt er aus gesellschaftspolitischer Motivation: Er möchte dazu beitragen, dass die einfachen Arbeiter sich zu mündigen Bürgern ausbilden können. Er will erklären und verständlich machen, was ist, weil er davon überzeugt ist, dass breites Wissen zur Entwicklung einer modernen Gesellschaft notwendig ist. Traditionell wird dieses Ziel mit Texten verfolgt. Kahn aber setzt statt dessen aufs Bild und lässt einzelne Phänomene in ihrem Zusammenhang von Zeichnern illustrieren.

An seiner Darstellungstechnik ist neu, dass er dreidimensionale, plastische Bilder verwendet, die eine Kombination aus Grafik, Malerei und Fotografie darstellen. Ihre Kraft gewinnen die Arbeiten durch starke visuelle Analogien und Sprachbilder, besonders dort, wo das Thema abstrakt wird, weil es nicht mehr sinnlich wahrnehmbar wird wie beim Aufbau der Zellen oder bei Astronomie und Astrophysik. Teilweise haben diese Bilder zeitgenössisch Unverständnis hervorgerufen, weil die surreale Anmutung als lächerlich aufgefasst wurde. Über diese Fehlinterpretation können wir heute nur noch lachen. Allerdings schmunzeln wir auch ein wenig wehmütig über das Vertrauen Fritz Kahns in Fortschritt durch Technik und Wissenschaft: Es kommt uns heute naiv vor, und zugleich sehnen wir uns danach. Damals hatte die Zeit noch eine Richtung! (Oder: Die Zeit ist heute auch nicht mehr das, was sie mal war.) Womöglich beruht auf dieser nostalgisch-ironischen Spannung – jenseits der unterhaltenden und belehrenden Faktoren – die Anziehungskraft der Infografiken, derer sich seit geraumer Zeit die Medien mit wachsender Begeisterung bedienen.

Anschaulich lässt sich an Fritz Kahns Werk ablesen, dass unsere Modelle der Welterklärung stets im jeweiligen technischen Horizont der Zeit rangieren. Bei Fritz Kahn waren es Mechanik, Elektrik, Biologie (in oberflächlich-physiognomischer Analogie), heute ist es »das Netz«, das als Analogie für das Verständnis des Denkens, des Verhaltens und der Gesellschaft bemüht wird.

 

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Prof. Dr. René Spitz

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