19.05.2017

Vortrag

Formen der Designkritik – Designkritik der form: Vortrag auf der Jahrestagung »Designkritik« der Gesellschaft für Designgeschichte, Hochschule für Gestaltung, Offenbach am Main, 19.5.2017



Formen der Designkritik – Designkritik der form

1957 gründeten die Gestalter Jupp Ernst, Willem Sandberg und Wilhelm Wagenfeld gemeinsam mit dem Kunstkritiker Curt Schweicher die Zeitschrift »form«. Diese Initiative muss im Kontext der Modernisierung der westdeutschen Gesellschaft gesehen werden: Dieser grundlegende Veränderungsprozess setzte gerade nicht unmittelbar nach Kriegsende ein, sondern erst eine Dekade später, und das Phänomen Design hatte daran einen entscheidenden Anteil.

Die »form« ist als Medium der Reflexion und Selbstinszenierung für die neuen, modernen Ausdrucksformen der Gestaltung angelegt. Das vorsichtige Anknüpfen an das Werkbund-Organ »Die Form« (1922-34) entspricht dem zeittypischen Ausloten eigener Positionen zwischen traditionsbewusster Rückbesinnung und selbstbewusster Neuausrichtung.

Ab 1962, mit dem Eintreten Karl-Heinz Krugs als Redakteur, später Chefredakteur (bis 1998), übernimmt ein Absolvent der Hochschule für Gestaltung (HfG) Ulm die allseitige inhaltlich-organisatorische Leitung der Zeitschrift. Er schärft den Fokus der »form« unter allen programmatischen Gesichtspunkten: Sowohl im Hinblick auf das Themenspektrum als auch auf die Methoden und Zugänge zum Phänomen Design in allen Ausdrucksformen, die redaktionell bearbeitet werden, wie auch in ihrer visuellen Präsentation.

Trotz des monolithisch-geschlossenen Eindrucks, den die »form« als mutmaßlicher Repräsentant einer rationalen Entwurfshaltung vermittelt, sind unter der Oberfläche vielfache Entwicklungsstränge in der Themensetzung, Terminologie und Diskursführung in den Jahren bis zu Krugs Ausscheiden nachvollziehbar, nicht zuletzt auch in der Reaktion auf solche gestalterische Strömungen, die sich seit den späten 1960er Jahren gegen die Haltung des Rationalismus richtete.

Foto: Wolfgang Seibt

Mit den folgenden Ausführungen möchte ich mit Ihnen in den Austausch über ein paar Gedanken treten, die mir im Laufe der langjährigen Beschäftigung mit der Geschichte der form durch den Kopf gegangen sind.

Ich habe Ihnen zwei Teile mitgebracht. Der erste, etwas kürzere, besteht aus einer sehr knappen Übersicht der Genese der form unter struktureller Perspektive. Diese Gliederung der designkritischen Praxis der form in Strukturphasen habe ich unter der Annahme gebildet, dass die systemische Organisation einerseits ein unmittelbarer Ausdruck inhaltlicher Aspekte ist – also z.B. zugrunde liegender Werte und Überzeugungen sowie daraus resultierender Interessen, Ziele, Maßnahmen und Positionen –, und dass andererseits die Veränderung solcher inhaltlicher Aspekte auch zur Transformation der Organisation führt. Einfach gesagt: Wenn sich in der Organisation etwas Grundlegendes ändert, wird dadurch sowohl eine veränderte Absicht sichtbar als auch die designkritische Praxis durch die veränderte Organisation anders strukturiert. Das wäre der erste, kürzere Teil.

Daran schließen sich sieben Thesen an, in denen ich einige Beobachtungen zu den Formen der Designkritik in der form gebündelt habe.

Ganz kurz zu meiner Motivation:

Seit 1997 veröffentliche ich regelmäßig im WDR-Hörfung Designkritiken. Bis heute sind es rund 370 Beiträge geworden.

Karlheinz Krug gehörte zu meinen treuen Hörern. Ich konnte mich absolut darauf verlassen, dass ich etwa eine halbe Stunde nach der Sendung – also als ich grade wieder im Büro war – einen Anruf erhielt, in dem Krug mir seine Kritik an meiner Kritik vortrug. Kollegiale Blattkritik, könnte man es nennen, wenn sich meine Beiträge um gedruckte gehandelt hätten. Aus diesem jahrzehntelang geführten Diskurs ist auch einmal die Überlegung hervorgegangen, dass ich eine Geschichte der form verfasse. Ich hatte sogar kurzzeitig erwogen, eine Habilitation zum internationalen Designbegriff bei Gerda Breuer durchzuführen, und daraus ist dann die Initiative zur Digitalisierung der form und des digitalen form-Archivs entstanden. Als Karlheinz Krug gestorben ist, habe ich auf Bitten seiner Erben dafür gesorgt, dass seine Bibliothek in die Bibliothek der FH Düsseldorf überführt wurde. Insofern hat die Ankündigung dieser Konferenz für mich den Anlass geboten, mein über die Jahrzehnte gesammeltes Material nochmal durchzugehen, zu verdichten und hier zur Debatte zu stellen.

Das ist auch die Erklärung dafür, warum ich bei dieser Gliederung die Zeitspanne von der Gründung an über die gesamte Tätigkeit Krugs betrachte.

Allerdings konzentrieren sich meine daran anschließenden Hinweise zu den Formen der Designkritik nur auf die Zeit bis zum Ende der redaktionellen Tätigkeit Krugs 1999, nicht die beiden anschließenden Jahre seiner Mit-Herausgeberschaft (Chefredakteurin: Petra Schmidt).

Grundsätzlich sehe ich zwei entscheidende Phasen in diesem Zeitraum.

Erstens die form als internationale Revue, so ihr Untertitel von ihrem ersten Erscheinen 1957 bis zur Nr. 32 im Jahr 1965.

Ab 1966 präsentiert sich die form emanzipiert als Zeitschrift für Gestaltung. Mir stellt sich dieser Anspruch einer Zeitschrift für Gestaltung ein wenig wie die Fortführung der Hochschule für Gestaltung mit anderen Mitteln dar. Aber das ist vermutlich nur der Brille geschuldet, unter der ich die Erscheinungen in dieser Welt deute.

Das wäre die grobe Gliederung auf der höchsten Strukturebene einer Zeitschrift, dem Titel.

Ein genauerer Blick in die einzelnen Jahrgänge bzw. Jahrzehnte fördert folgendes Muster zutage:

Nach den ersten eineinhalb Jahren der Gründungsphase verzeichnen wir etwa alle 4 Jahre eine strukturelle Änderung. Mit einer gewaltigen Ausnahme: Eine einzige Phase mit 20 Jahren Kontinuität von 1974 bis 1993.

Das könnte so veranschaulicht werden (Otto Neurath oder Ruedi Bauer würden das jetzt anders visualisieren):

1. »Internationale Revue«, Nr. 1-32 (1957-65)

1.1 Anschluss an »Die Form«, Nr. 1-4 (1957)

1.2 Emanzipation, Nr. 5-6 (1958)

1.3 Konsolidierung, Nr. 7-18 (1958-62)

1.4 Redaktion: Karlheinz Krug, ab Nr. 19 (1962-65)

2. Zeitschrift für Gestaltung, Nr. 33-181 (1966-2001)

2.1 Konsolidierung, Nr. 33-48 (1966-69)

2.2 Verbandsorgan, ab Nr. 49 (1970-73)

2.3 Etablierung, Nr. 65-144 (1974-93)

2.4 Verlegerwechsel, ab Nr. 145 (1994-99)

2.5 Karlheinz Krug nur Herausgeber, Nr. 166-181 (1999-2001). In dieser abschließenden Phase wurden auch zwei Sonderhefte veröffentlicht, die explizit die theoretisch-kritische Ebene des Diskurses thematisieren – vielleicht: auslagern?

Mit den folgenden Ausführungen beziehe ich mich nur auf die Phase von der Gründung bis zum Ende der redaktionellen Tätigkeit Krugs; nicht die letzten Jahre seiner Mit-Herausgeberschaft (Chefredakteurin: Petra Schmidt).

Wenn wir an diese historische form denken, steht vermutlich den meisten von uns ein recht scharf profiliertes Bild vor Augen. Die Vorstellung von einer Zeitschrift mit eindeutiger Haltung, klarer Argumentation, an Motiven der Moderne orientiertem Layout und sachlich begründeter Themenauswahl. Diesen monolithischen Block möchte ich keinesfalls zerlegen, ich möchte lediglich durch Annäherung und Betrachtung von allen Seiten zu dem Punkt gelangen, wo sich eine detailiertere, facettenreichere und differenzierte Erscheinung ergibt.

Mit Framing bezeichnet Erving Goffman nach einem berühmten Zitat »die Herstellung dessen, was der Fall ist«. Vereinfacht gesagt geht Goffmans Rahmentheorie davon aus, dass wir unsere Wirklichkeit durch vorgegebene Schemata deuten. Ein Rahmen ist ein vorgegebenes Deutungsmuster des Geschehens. Der Rahmen grenzt ein, er definiert, wie das verstanden werden soll, was sich innerhalb seiner Grenzen abspielt.

Der Effekt einer Rubrik einer Zeitschrift entspricht genau dieser Theorie: Eine Rubrik gibt ein Deutungsmuster vor, wie der darin befindliche Beitrag zu verstehen sei.

Der erste Jahrgang der form verzichtet auf Rubriken: Explizit ist kein zusätzlicher, innerhalb des Mediums einengender Rahmen gewünscht.

Das Inhaltsverzeichnis ist nicht mehr als eine Liste.

Anstelle einer Rubrizierung veröffentlichen die Herausgeber vorab Leitsätze, wie das folgende zu verstehen sei. Wir könnten dieses Manifest auch als hermeneutische Handreichung für das Publikum bezeichnen.

Die form wollte, nach dem Willen ihrer vier Gründer, eine Zeitschrift sein, die von den gestalteten Gebrauchsgütern ausgeht. Aber, so steht es in ihrer Einleitung, keine Fachzeitschrift sein, sich nicht mit den Sorgen der Formgeber befassen, nicht über die geistigen oder soziologischen Hintergründe von Entwürfen philosophieren. Sondern sich ausschließlich der Bedeutung der Dinge des Alltags für unser Leben widmen.

Griffig formuliert: »form beschäftigt sich mit der Form der Zeit. […] Wir finden diese Form überall, in Äußerungen aller Art. Aber überall finden wir auch, wie schwer es unserem Zeitalter gemacht wird, seine Form zu haben.« Damit reiht sich die form nahtlos in die Programme der Moderne seit der Mitte des 19. Jahrhunderts ein, die es sich stets zur Aufgabe gemacht haben, nach einem »harmonischen Stil« für die Gegenwart zu streben (Hermann Muthesius). Die form wollte sich dem Zusammenhang solcher Äußerungen widmen, »was früher „Stil der Zeit“ hieß. Industrielle Formgebung, Architektur, bildende Kunst, Theater, Film, Tanz. Formen aus dem Bereich des Sichtbaren.«

Ihr Ideal lautete, dass das »Heft in seinem Gepräge, in seinen Beiträgen, in dem Material, das es darbietet, sehr deutlich macht, was in diese Zeitschrift hineingehört und was nicht.«

Ein romantisches Bild vom Produkt, das sich durch sich selbst erklärt.

Diese Vorstellung schließt nahtlos an die Werkbund-Zeitschrift »Die Form« an, die von 1925 bis 1934 erschienen ist, in der explizit das Übergreifende, das Gemeinsame und der Zusammenhang aller gestalterischen Aspekte thematisiert wurde, wo es also keine außen stehende, distanzierte Position gibt, von wo aus eine kritische, erklärende Rede vorgetragen wird.

Den ersten Frame bildet das erste Schwerpunkt-Heft, Nr. 5: USA. Gefolgt von weiteren Schwerpunkt-Heften bis Nr. 12 (Ausbildung, HfG Ulm, Frankreich, Skandinavien, Brasilien, Kulturbauten und Japan).

In Heft Nr. 14 (1961) ist die erste Rubrizierung zu sehen, der Schritt beim Übergang vom Themenheft zu weiteren Rubriken.

Im folgenden Heft, Nr. 15 (1961): die erstmalige Rubrizierung der »Produktentwicklung«, eine der am längsten verwendeten Rubriken.

Zu diesem Vortrag werde ich in Kürze noch weitere Informationen ergänzen. Wenn Sie bis dahin eine Frage haben oder mehr wissen möchten, können Sie mir gerne eine E-Mail senden.



Prof. Dr. René Spitz

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