18.01.2016

Publikation # [427]

Architekturphantasien von Fornasetti. Ausstellung im Ungers Archiv für Architekturwissenschaft.
Veröffentlichung in: WDR 3 »Mosaik«, 18.1.2016
www.wdr3.de



Zu dieser Publikation
Ein Blick in aktuelle und ältere, in Deutschland verbreitete Darstellungen zur Geschichte und Theorie des Designs zeigt, dass Piero Fornasetti dort nicht vorkommt. Das letzte Mal, dass es in Deutschland eine Ausstellung über Fornasetti gab, liegt mehr als 40 Jahre zurück. Diese beiden Tatsachen geben eigentlich genügend Anlass für Verwunderung in Italien über teutonische Ignoranz.

Piero Fornasetti war ein italienischer Gestalter, der 1913 in Mailand geboren wurde und dort 1988 im Alter von 74 Jahren gestorben ist.

Mit dem Begriff Gestalt ist immer das Ganze gemeint. Gestaltung erstreckt sich auf alle sinnlich wahrnehmbaren Dimensionen eines Gegenstandes oder einer Botschaft. Gestalter verfolgen einen holistischen Ansatz. Wenn wir also Piero Fornasetti als einen Gestalter bezeichnen, entledigen wir uns damit zugleich der unlösbaren Aufgabe, ihn in eine einzige Schublade zu pressen. Er ist eben nicht nur Künstler, nicht nur Dekorateur, nicht nur Poet und auch nicht nur Designer. Jede dieser Definitionen wäre eine unangemessene Eingrenzung seines Werks.

Dem jungen Piero Fornasetti begegnen wir als Künstler. Wir kennen von ihm Zeichnungen, Gemälde, Plastiken. 1933, im Alter von 20 Jahren, zeigt Fornasetti Seidentücher auf der V. Mailänder Triennale. Er hatte sie dem Architekten Gio Ponti (1928 Gründer und seither Herausgeber der »domus«) geschickt, weil dieser als verantwortlicher Leiter der Triennale einen Wettbewerb für junge Künstler ausgeschrieben hatte.

Ponti ist von Fornasettis Arbeiten begeistert. Es entwickelt sich eine jahrzehntelange Zusammenarbeit, Freundschaft und gegenseitige Wertschätzung.

Gio Ponti verantwortet auch die VII. Triennale, 1940. Er zeigt Fornasettis Arbeiten und bringt ein Seidentuch aufs Cover der September-Ausgabe der domus.

 

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs baut Fornasetti ein Atelier auf, in dem er künstlerische, handwerkliche, architektonische und industrielle Prozesse kombiniert und darauf ein Unternehmen gründet.

Das klingt ganz selbstverständlich, aber tatsächlich beobachten wir doch gerade in Deutschland, dass diese gestalterischen Felder der künstlerischen, der handwerklichen, der architektonischen Praxis und der industriellen, der Designpraxis streng von einander separiert sind. Ausnahmen bestätigen die Regel. In Italien wiederum ernten wir üblicherweise für solcherlei Spartendenken nachsichtiges Kopfschütteln.

 

Fornasetti beginnt 1946 damit, Seidentücher künstlerisch zu dekorieren und zu produzieren. Er entfaltet einen Reichtum an Motiven und Gestaltungsvarianten, der uns staunen lässt. Die Vorlagen für seine Motive entnimmt er seiner Sammlung alltäglicher populärer Bilder. Wir finden unzählige Alltagsgegenstände (Schere, Regenschirm, Bürste, Schlüssel, Würfel, Kamm, Uhr), elementare Erscheinungsformen der Natur (Sonne, Mond, Sterne, Wolke, Blitz), Flora und Fauna (Schmetterlinge, Korallen, Fische, Muscheln, Seepferdchen, Vögel, Blumen), antike Statuen und Architektur – und noch vieles mehr.

Äußere Merkmale eines einheitlichen formalästhetischen Stils lassen sich kaum benennen. Vielmehr liegt seinen Arbeiten eine durchgängige Haltung zugrunde. Gio Ponti nennt die Tücher grafische Sonnette, es sind visuelle Narrationen, deren Bedeutung auf vielen Ebenen entschlüsselt werden kann.

Fornasetti verwandelt seine Vorlagen in Dekoration, indem er sie zu Collagen aus antiken, klassischen, traditionellen und modernen Elementen und Epochen verarbeitet. Er experimentiert, transformiert und re-kontextualisiert auf allen gestalterischen Ebenen: Materialien, Farben, Motive, Stile, Formate. Die Bilder werden in jeglicher Weise bearbeitet: Skaliert, invertiert, gespiegelt, mit Schrift kombiniert. Einen typischen Schwerpunkt bilden visuelle Täuschungen und Paradoxien.

Erstaunlich übrigens, dass er Anfang der 1950er Jahren in seinen Entwürfen für Seidentücher mit architektonischen Motiven nicht nur Hausfassaden zeigt, sondern auch eine Collage berühmter italienischer Gebäude auf einer Wolke – in der Cloud, sozusagen – und auch brennende Hochhäuser, und just diesen Entwurf hatte er us-amerikanischen Kaufhäusern angeboten, aber vergeblich, und so wurden sie nicht produziert.

Fornasetti lehnt die Besessenheit, Etiketten zu verteilen, vehement ab: »Ich bekämpfe die Fixierung auf Etiketten: Surrealismus, Neorealismus, Romantik, Postmoderne. Wir haben es uns angewöhnt, Marken zu kaufen und sind nicht mehr an schönen Dingen interessiert, die wir mögen. Ein Künstler, der erfolgreich sein will, ist kein Künstler mehr, sondern jemand, der Erfolg haben will. Deshalb ist meine Idee, sich nicht anzupassen, sondern original zu sein. Zum Beispiel, Mode zu schaffen, die niemals aus der Mode kommt.«

 

Fornasetti weigert sich, seine Schaffenswut auf nur einen Bereich zu fokussieren. Er schöpft alle Dimensionen des gestalterischen Spektrums aus, von Drucksachen und Werbung über Innenarchitektur, Produkt- und Möbeldesign bis zur Mode.

1947 entwirft er eine Seidenweste für sich selbst namens »Architetto«. Bis in die 1980er Jahre sehen wir ihn damit auf Fotos. Eine spätere Weste aus dem Jahr 1986 zeigt eine Bibliothek: »Bibliofilo«.

Seit den 1950er Jahren entwirft er auch Krawatten, Porzellanknöpfe oder Lederhandschuhe. Er experimentiert kontinuierlich bei verschiedenen Formen der Zusammenarbeit mit Modehäusern und präsentiert eigene Kollektionen. Barnaba Fornasetti verantwortet die Fortführung dieser Tradition seit den 1990ern.

 

Fornasetti kommt rasch zu dem Punkt, an dem es ihm nicht mehr genügt, bestehende Dinge oberflächlich zu dekorieren, sondern ihre Substanz, ihr Material zu bestimmen und die Dinge selbst formen: Die ganzheitliche Tätigkeit, die wir Gestaltung nennen. Zur Spannweite seiner Projekte im Design und in der Architektur von den 1930ern bis in die 1960er Jahre bemerkt er rückblickend: »Ich habe ein bisschen von allem dekoriert, von Luxussuiten des Ozeandampfers Andrea Doria über Polstermöbel bis zu Kinosälen.«

Für Ladengeschäfte und Apotheken, für Kaufhäuser wie das Rinascente, für Hotels und Villen entwirft er Vitrinen, Panele, Treppen und Bars. Die Wände des Mailänder Hotels Duomo lässt er mit Seidentapeten bespannen. Für das Spielcasino San Remo gestaltet er Stühle und Sessel mit Spielkarten.

Häufig sind es Projekte mit Gio Ponti, wie ein Stuhl für Cassina, den er mit lithografierten Schmetterlingen bereichert. Sekretäre bedruckt er mit Visitenkarten, Möbel für Radios und Schallplatten mit Musiknoten. Ein Schrank wie »Architettura«, den er für Gio Ponti 1949 gestaltet und der von jenem als Unikat gedacht war, wird in den 1960er und 1970ern in kleinen Serien hergestellt. Auch hier entwirft er viele Varianten, z.B. wiederum mit Büchern (»Libri«).

Fornasetti entwirft Stühle, deren Rückenlehnen er für sein optisches Vexierspiel nutzt, indem sie z.B. ein ionisches und korinthisches Kapitell imitieren. Er entwirft runde und rechteckige Tische und Polstermöbel.

Seine Paravents und Tapeten sind mobile theatralische bzw. narrative Gemälde: Spektakuläre Schirme, tatsächliche Bild-Schirme, noch keine vordergründige Glotze. Er zeigt uns darauf Bücher, Heißluftballons, die Stadt Jerusalem, Hochseilartisten, einen Portikus mit Landschaft (1956), die Innenansicht eines Kleiderschranks, geometrische Muster oder eine Leiter in einem Treppenhaus (1956), das den Betrachter in einen möglicherweise metaphysischen Raum führt.

Fornasetti entwirft alltägliche Gegenstände wie Körbe, Zeitschriftenablagen, Zigarettenschachteln, Buchstützen, Gläser, Vasen, Spiegel, Leuchtkörper, Becher, Stifthalter, Briefbeschwerer, Aschenbecher, Geschirr, Dosen, Teller und Tablets.

Er verwandelt sie in Objekte, die unsere Wahrnehmung spielerisch herausfordern. Seine Regenschirmständer zeigen uns Bücherstapel mit einer Katze, antike Vasen, Hunde oder eine Ruine (1985).

 

Seine am häufigsten gezeigten Entwürfe bilden eine fast 40 Jahre lang bearbeitete Serie mit dem treffenden Titel »Thema und Variation«: Teller mit dem Antlitz einer jungen Frau (der Opernsängerin Lina Cavalieri) in hundertfachen verschiedenen Ausführungen. Er beginnt 1952 mit dieser Serie, und von Anfang an zeigt er uns dieses klassische Motiv der weiblichen Schönheit ironisch gebrochen. Er löst ihr Gesicht auf in drei Felder, halbiert sie oder setzt ihr eine Brille auf. Es wirkt wie eine fröhliche Folge jugendlicher Graffiti auf einer Postkarte der Mona Lisa.

Das unendliche Spiel zeugt von der Virtuosität seiner Vorstellungskraft. Mit seinen Variationen überführt er das Ausgangsportrait in eine Ikone der zeitgenössischen Popkultur.

 

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Prof. Dr. René Spitz

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