08.01.2016

Publikation # [426]

Rezension: Michael Bierut: Wie man als Grafikdesigner…
Veröffentlichung in: WDR 3 »Mosaik«, 8.1.2016
www.wdr3.de



Zu dieser Publikation
Mit dem modernen Berufsbild des Designers sind viele Klischees verbunden – wahrscheinlich ebenso viele wie es Hochzeiten gibt, auf denen die Designer tanzen. Angefangen vom populären Irrglauben, Hässlichkeit verkaufe sich schlecht, so der deutsche Buchtitel des amerikanischen Designers Raymond Loewy von 1953. Oder, auch das ein populärer Buchtitel: »Die geheimen Verführer« (Vance Packard, 1958). Dass sich so viele Geschichten und Legenden um die Arbeit der Designer ranken, beruht wohl auch darauf, dass Designer gerne Werbung in eigener Sache machen, am liebsten in repräsentativer Buchform.

Allerdings ist diese Tradition in den vergangenen 15 Jahren deutlich in Bedrängnis geraten durch die Digitalisierung, denn online kann man nonstop und viel aktueller als mit einem Druckwerk über seine eigenen Leistungen berichten.

Nun liegt aber doch wieder einmal ein Buch eines international einflussreichen Gestalters auf dem Tisch, das uns einen Einblick verschaffen will in seine Arbeit.

In angenehmen Plauderton gibt Bierut über seine Biographie Auskunft. Den Ton hält er auch bei der Erläuterung seiner ausgewählte Projekte und Erfahrungen, die seine wesentlichen Erkenntnisse illustrieren. Er schildert knapp, präzise und anschaulich. Trotz seines Umfangs kann das Buch deshalb bequem an einem Abend gelesen werden.

Die Zahl seiner beruflichen Stationen ist übersichtlich: Zehn Jahre bei Lella und Massimo Vignelli in New York City, seit 1990 Partner bei Pentagram. Die Vignellis repräsentierten einen gestrengen Typus von Gestaltern, weil sie Design als Berufung verstanden und deshalb nur nur wenige Elemente für ihre Auftraggeber zuließen: Bestimmte gestalterische Raster, eine Handvoll ausgewählter Schriften, ein paar Farben sowie Akzente mithilfe von Linien. Massimo Vignelli verlieh seiner missionarischen Überzeugung immer wieder Ausdruck, dass Design ein Kampf gegen das Hässliche sei, der jeden Tag aufs Neue zu führen sei. Dass die Auftraggeber ihm dabei im Grunde im Weg standen, ist offensichtlich (jedenfalls aus seiner Perspektive). –

Der Radius von Bieruts präsentierten Arbeiten und Auftraggebern ist ebenfalls überschaubar: Im wesentlichen dreht sich alles um New York City im engeren Sinne und um die USA im weiteren Sinne. Doch ist die Wirkung, die er damit erzielt hat, keinesfalls regional beschränkt, denn Luftverkehrsunternehmen (United Airlines), Museen (New York Museum of Arts and Design, Minnesota Children’s Museum) und Universitäten (New York University, Princeton, Yale School of Architecture) verstehen sich als international ausgerichtete Organisationen. Und ein Kaufhaus wie Saks Fifth Avenue dürfte man kaum als lokalen Krämerladen betrachten.

Gleichzeitig ist eine eigentümliche Mischung zu beobachten, bei aller Vorsicht vor Stereotypen scheint doch auch etwas diffus und vermeintlich »typisch« Amerikanisches in seinen Arbeiten sichtbar zu sein.

Da ist zum einen ein sympathischer, hemdsärmeliger Pragmatismus. Wenn der Besitzer eines Diners in Manhattan seinen Laden so eingerichtet und haben möchte, dass er einem verklärten und unscharfen Bild eines »typischen« Diners entspricht, er aber lediglich ein niedriges Honorar erübrigen kann, dann greift Bierut halt zum Telefonhörer und erteilt nur ein paar prinzipielle Anweisungen auf der Grundlage weniger Skizzen.

Da ist aber auch ein Vertrauen ins Machen, ins Handwerkliche. Bei Bierut drückt es sich zum Beispiel in seiner Methode aus, Notizbücher zu führen. Mehr als 100 Stück hat er im Laufe seines Berufslebens gefüllt. Ein paar Seiten, anhand derer Entwurfsstadien von Plakaten nachvollziehbar werden, sind im Buch abgedruckt: »Thinking with hands« am konkreten Beispiel.

Da ist schließlich auch die Freude an der Entwicklung von Lösungen, die sich aus dem jeweiligen Projekt neu ergeben. Ein Kapitel ist der Frage gewidmet, wie sich Gestalter von einer formalästhetischen Ideologie bzw. einem Stil befreien können.

Zu kurz springt Bierut bei der leidigen Trennung von Form und Inhalt. Fürs Design ist ja gerade charakteristisch, dass die Form einen Teil des Inhalts ausmacht. Eine neutrale, inhaltsleere Gestaltung gibt es nicht.

Eine Handvoll Erkenntnisse verpackt Bierut als gefällige Anekdoten. Zum Beispiel: »Wie man Identität auch ohne Logo vermittelt.« Abgesehen davon, dass er den Begriff der Identität hier unkritisch verwendet wird, zeigt Bierut, dass die jahrzehntelange konsistente Verwendung einer einheitlichen Typografie im gleichen Layout mit gleichen Farben und gleicher Bildsprache für eine höchst wahrscheinliche Wiedererkennbarkeit genügen. Dazu passt ganz wunderbar die Tibor Kaiman zugeschriebene Empfehlung an einen Museumsdirektor, welcher jenen mit der Gestaltung eines Markenzeichens beauftragen wollte: Es reiche völlig, aus einem Musterbuch eine beliebige Schriftart auszuwählen, die dem Direktor zusage, und diese lediglich kontinuierlich zu verwenden.

Ein zweites Beispiel, illustriert am visuellen Erscheinungsbild für die Gemeinde der Kathedrale von Saint John the Divine in Manhattan: »Identität ist kein Logo«. Dieses Missverständnis sei irrig: Als ob ein Mensch, der nach Persönlichkeit strebe, sich lediglich einen Hut kaufen müsse.

Merkwürdig oberflächlich-idyllisch erscheint seine Gestaltung aller grafischen Elemente des Retortenstädtchens Celebration. Bei diesem städtebaulichen Projekt der Walt Disney Company handelt es sich um die grotesk aseptische Simulation einer typisch amerikanischen Kleinstadt á la »The Truman Show« für 7.000 Einwohner mit einer Atmosphäre, als ob es sie schon immer (also seit 120 Jahren) gegeben hätte. Since 1994.

Zwei, drei flüchtige Blicke hinter die Kulissen gewährt Bierut, zum Beispiel eine Zusammenarbeit beim Projekt der New World Symphony. Wir erfahren von ihm, dass sein Auftraggeber – der Dirigent des Orchesters – das Briefing in seiner Sprache und eben nicht in der Fachsprache der Designer formuliert hat. Bierut konnte nichts damit anfangen, dass das Markenzeichen »fließend« sein sollte. Er legte einen Entwurf vor, von dem er selbst begeistert war, während der Auftraggeber seine Begeisterung keinesfalls teilte. Ein zweiter Entwurf gerät halbherzig. Frustration macht sich auf beiden Seiten breit. Der Kunde schickt Skizzen mit eigenen Ideen. Und anstelle darauf eingeschnappt die Flinte ins Korn zu werfen, sieht Bierut genau hin und erkennt, was der Dirigent mit »fließend« gemeint hat. Er entwickelt ein einfaches Zeichen aus den Buchstaben NWS, die als einzige Linie wie bei der Armbewegung des Dirigierens wirken. – Ein anderer Blick hinter die Kulissen zeigt die Präsentation für das visuelle Erscheinungsbild der Billigfluglinie Ted, eine Tochter der United Airlines. Durchaus erhellend, wie Aussagen komponiert werden können, um im direkten Gespräch zu überzeugen.

Dass Designer immer auch eine gesellschaftspolitische Verantwortung tragen, verdeutlicht Bierut mit seinem Engagement für die Vereinigung der Atomwissenschaftler, die mit ihrem Magazin seit Jahrzehnten davor warnen, dass die Menschheit mehr oder weniger 5 vor 12 vor einem Atomkrieg steht. Oder mit der unfassbaren Geschichte von der Wahl Georges Bushs im Jahr 2000, als lediglich 537 Stimmen in einem einzigen Wahlbezirk den Ausschlag fürs ganze Wahlvolk gaben – wobei es als äußerst wahrscheinlich gilt, dass dieses Ergebnis aus fehlerhaften Stimmabgaben und/oder -auszählungen resultiert, weil die Stimmzettel äußerst missverständlich gestaltet waren. Eine Situation, die sich mit geringerer Dramatik, aber vergleichbarer Ignoranz, bei der Oberbürgermeisterwahl in Köln 2015 wiederholte.

 

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Prof. Dr. René Spitz

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