so wichtig die hfg auch für das design in der bundesrepublik gewesen ist, sie war nicht die einzige institution, die „das ästhetische gewissen der nation zu schärfen“ trachtete716. Da gab es beispielsweise die neue sammlung in münchen, seinerzeit die umfangreichste design-sammlung in deutschland, seit 1950 den deutschen werkbund als dachverband und den 1951 auf beschluß des deutschen bundestags als stiftung gegründeten rat für formgebung. Aber das waren dann auch schon die wichtigsten einrichtungen, und in diesem zusammenhang wird erneut die ausnahmestellung der hfg deutlich: während sich die anderen einrichtungen mit der mittelbaren förderung und rezeption von design beschäftigten (sammlung und prämierung), schuf die arbeit der hfg grundlagen für die gestaltung überhaupt.

unmittelbar nach kriegsende dominierte bei der gestaltung von einrichtungsgegenständen, hausgeräten und möbel „erst einmal das ganz einfache, behelfsmäßige“717. Aber schon zu anfang der fünfziger jahre konnten es sich mehr menschen leisten, ihre einrichtungsgegenstände der „neuen einfachheit“ gegen solche zu tauschen, die aus den neuen, „mode-betonten kunststoffe[n]“ hergestellt waren und „in einem geradezu aufreizenden gegensatz zu den grauen, tristen, einfarbigen wohnungseinrichtungen der unmittelbaren nachkriegszeit“ standen718. Der stil der berüchtigten nierentische und tütenlampen wurde rasch zur mode, die sich schnell ausbreiten konnte, weil viele menschen das bedürfnis nach dem ablegen der erinnerungen an die nachkriegszeit verspürten und weil die gestiegene kaufkraft es auch erlaubte, diesem bedürfnis nachzugeben. „‚Out‘ war in diesen jahren [nach 1955; anm. d. verf.] sowohl das altmodisch-gediegene als auch das hartkantig-funktionalistische“719. Das erste stand für „das historisierende schmuckbedürfnis aus vergangener zeit“, das zweite erinnerte mit seiner reduktion auf das notwendigste, dem verzicht auf das überflüssige und dem „puren technischen funktionalismus“ an den mangel direkt nach dem krieg720.

der modische verschleiß, der letzte schrei hielt auch in den wohnungen einzug, nicht in allen, aber in etwa einem fünftel der deutschen haushalte, wie jost hermand schätzt721.

Die kunststoffe wurden als leicht formbares material entdeckt, so daß die gestaltung eines türgriffes oder eines tisches von nun an nicht mehr vom sinn des objektes und von der eingeschränkten materialformbarkeit abhing, sondern einzig und allein von der botschaft, die man damit übermitteln wollte. Die botschaft in den fünfziger jahren lautete: „jeder, wenn er nur strebsam genug war, konnte sich ‚guten geschmack‘ leisten“722. Modische produktgestaltung mit kunststoff hieß aber auch, daß sich die mode ändern konnte. Dann wurden die alten gegenstände weggeworfen, weil ihr wert in ihrer modischen gestaltung und nicht in ihrem nutzen und ihrer materialechtheit bestand. Die „wegwerfmentalität“ kam auf.

die hfg hatte mit dieser haltung nichts gemein. Sie verfolgte die aus der mode gekommenen grundsätze einer gestaltung, die für die industrielle massenproduktion das beständige, sachliche und dauerhafte mit modernem, aber zweckgemäßem material hervorbringen wollte. Ab 1958 wandte sich die hfg der systematisierung der gestaltung und dem gestalten in systemen zu. Tatsächlich ließ es sich nicht vermeiden, daß die in ulm betriebene suche nach dem sinn der produkte auch als stil im sinne einer attitüde gewertet werden konnte und sich deshalb irgendwann der trend zu hfg-produkten wandte, um bald darauf wieder abzudrehen.

wenn eine sozialgeschichte der gestaltung industrieller produkte und öffentlicher informationen in der bundesrepublik geschrieben würde, dürfte der rolle der hfg darin nicht mehr als ein magerer exkurs gewidmet werden. Selbst design in einem sinne, der sich nicht mit den ulmer design-vorstellungen deckte – zum beispiel all das, wofür der rat für formgebung, der werkbund und die führenden werkkunstschulen stan-den –, dürfte in einer solchen studie nur einen seitenblick lang behandelt werden. Der versuch deutscher produzenten, nach den ersten mißlungenen und höhnisch kommentierten auftritten auf internationalen warenmessen (new york 1949, mailand 1951) wieder anschluß an das ge-staltungsniveau der weltmärkte zu finden, führte in den fünfziger jahren keineswegs zu einer hausse der art von produktgestaltung, welche die hfg betrieb.723

der markt für alles das, was „schlechtes“ design, oder besser: überhaupt kein design ist, sondern was als „styling“ (otl aicher) bezeichnet werden könnte, um es vom de-sign zu unterscheiden, ist ungleich größer als der markt für jene objekte, von denen die rede ist, wenn es um designgeschichte geht. Aus dem blickwinkel des design ist „styling“ nicht einmal „eine modische variante funktionaler formgebung des nützlichen – als was es gelegentlich bezeichnet wurde –, sondern [dessen] absoluter gegensatz, weil es die gebrauchsqualität der erfindung von sensationellen überraschungseffekte zum anreiz der kauflust unterordnet.“724 Mit „styling“ der 50er jahre könnte daher all jene gestaltung verstanden werden, die zum ziel hatte, lediglich das äußere und nicht die struktur oder funktion der produkte zu verändern: „während also ‚styling‘ die kosmetik zur blüte brachte, sollten die ulmer objekte – und wollte die hfg selber – operativer eingriff sein, den gebrauch, die handhabung, die begriffe, wahrnehmungsweisen und auch all deren kontexte radikal verändern. Mithin wollten sie die gesellschaft wandeln, die menschen zu einem imaginären selbst führen und demokratie hervorrufen.“725

es liegt in der natur der dinge, daß selbst die design-haltung der hfg, die sich gegen moden wandte, zur mode werden konnte. Dieses dilemma war den ulmern bewußt, weil sie mit dem zunehmenden erfolg der arbeit in den entwicklungsgruppen, mit der wachsenden popularität des designs und der gestiegenen sensibilisierung der käufer für design selbst damit konfrontiert wurden. Auch dies ist ein moment, das die fünfziger jahre von den sechzigern unterschied. Hans gugelot widmete sich diesem aspekt in seinem referat auf der world design conference in tokyo im juni 1960: „der designer ist ein konstrukteur, der den menschen als teil eines systems mit einbezieht. Bei der kunstgewerblichen tätigkeit spielt dieser aspekt keine rolle, denn es wird dem produkt durch stilistische mittel das letzte modische aussehen verliehen. Hierin liegt nun die gefahr der heutigen design-popularisierung. Und wir alle sind dieser gefahr weitgehend ausgesetzt, d. h. wenn wir in erster linie und mit allen mitteln nur unter dem aspekt der absatzförderung arbeiten wollen, und vor allem auch dann, wenn der name eines desigers so populär geworden ist, daß die qualität eines produktes in den hintergrund gerät, daß also schon der name des entwerfers genügt, um dieses produkt zu verkaufen.“726 Diese analyse trifft heute mehr denn je zu.

1962, als die hfg bald ein jahrzehnt gewirkt und sich längst der systematisierung und verwissenschaftlichung des designs verschrieben hatte und von dieser warte aus wieder begann, die balance zwischen kunst und mathematik zu finden, zog inge aicher-scholl ein erstes fazit der gestaltungsmoden, welche die bundesrepublik überzogen hatten: „aus der zusammenarbeit zwischen kaufmann und künstler wucherte in der nachkriegszeit die gebrauchskunst der abstrakten tapeten, der organischen bestecke und vasen, der nierentische und stromlinienwerkzeuge, der bunt angestrichenen häuser und eisdielen, die ganze fülle von modernem kitsch, der bis in die bauernküche gedrungen ist und vor dem es kaum noch ein entrinnen gibt. Die schüler von klee entwerfen die tapeten, die schüler von mondrian beherrschen die typographie, die schüler von moore üben sich in bestecken. Vor jahren noch war es die tradition, die uns zu schaffen machte, das strohgedeckte landhaus mit kupferleuchten, gotischen madonnen und biedermeiermöbeln. Heute hat sich das moderne museum bis ins kaufhaus ausgedehnt. Das ist die allgemeine situation.“ Doch dies war für sie kein grund, ihre ursprüngliche absicht, zur besserung der gesellschaft durch eine verbesserte gestaltung beizutragen, aufzugeben:

„in einer gesellschaft egalisierter besitzverhältnisse wird die neigung, sich mit produkten aufzuplustern, weniger attraktiv. [Das gegenteil ist eingetreten; anm. d. verf.] Möglicherweise wird man es sich wieder leisten können, normal zu sein und kritisch zu wählen. Dann wäre die stunde für die gesellschaftliche funktion des designers gekommen. Seine maßstäbe bekämen eine soziale tragweite. Sofern es bis dahin genügend designer von der art gibt, die am

produkt und seinem gebrauchs- und bedarfswert interessiert sind, statt die gegenstände mit neuen künstlerischen werten aufzuladen als vorspann für die steigerung des umsatzes. Der designer wäre dann eine der vielen gesellschaftlichen instanzen, welche wertsetzungen erarbeiten, ohne die alle wirtschaftliche aktivität sinnleer bleibt.“727

heute fragt man sich, ob diese illusion der „humanität per gute tasse“ (christian petry) vom design geleistet werden kann: „war der moralische anspruch an alltagsobjekte zu hoch angesetzt? Bis weit in die fünfziger jahre hinein beurteilten designer ihre entwürfe nach moralischen kategorien. Dinge des alltags sollten tüchtig sein, ohne eitelkeit, ohne betrug und täuschung. […] Werkbunddesigner verstanden sich als ‚gewissen der nation‘.“728

die hfg stand nicht nur mit ihrer designhaltung, sondern auch als einrichtung des bildungswesens außerhalb des üblichen in der bundesrepublik der fünfziger jahre. Die pädagogischen aufgaben, denen sich die hfg widmete, wurden üblicherweise mit den werkkunstschulen in verbindung gebracht (die meist in den sechziger jahren in fachhochschulen überführt wurden). Sie bewegten sich ungleich enger am boden des kunsthandwerklichen und künstlerischen als die hfg, die davon von anfang an abgehoben hatte. Ein deutliches indiz für den fundamentalen unterschied zwischen werkkunstschulen und der hfg ist, daß 1968 die angliederung an die ingenieurschule ulm erwogen wur- de – von einer werkkunstschule ulm war nie die rede. Zur gleichen zeit beharrte die hfg darauf, als hochschule verstaatlicht zu werden – diesen hochschulanspruch haben werkkunstschulen nicht erhoben. Die werkkunstschulen sahen ihre aufgabe darin, „einen künstlerisch begabten und auf handwerklich-technischem gebiet meisterhaften nachwuchs in allen formschaffenden berufen des handwerks und der industrie heranzubilden, der aus eigenen überlegungen werke der angewandten kunst, des handwerks und der industrie nach den vorhandenen voraussetzungen des materials, der technik und der funktion des zu schaffenden werkes formal richtig zu gestalten weiß. Neben der weiterbildung im handwerklich-technischen und in den grundlagen der betriebswirtschaft ist die hinführung zum wesen der harmonischen gestaltform die wichtigste aufgabe der werkkunstschule.“729

 

 

zum ende der fünfziger, anfang

der sechziger jahre setzte in der bundesrepublik der aufschwung des bildungswesens ein. Mit diesem aufschwung verbanden sich neue vokabeln, die zuerst in der fachöffentlichkeit und dann in der gesamten gesellschaft einzelne momente ins bewußtsein hoben und schließlich

zu schlagwörtern erstarrten: angefangen von bildungsnotstand, bildungskatastrophe, bildungsmisere, bildungsgefälle und begabten-

oder bildungsreserve über bildungsexpansion und bildungschancen bis zu bildungsreform, bildungspolitik, bildungseuphorie, zuletzt bildungsmelancholie.1132 Neue berufe und beschäftigungen wie bildungsforschung und bildungsplanung entstanden.

 

 

der wirtschaftliche erfolg der bundesrepublik gestattete zum ende der fünfziger jahre, daß gedanken darauf verwendet werden konnten, wie sich über die augenblickliche befriedigung der elementaren und materiellen bedürfnisse hinaus die zukunft gestalten ließe. Dabei geriet die alte überzeugung der kultur- und bildungspolitiker wieder ins blickfeld, daß dem bildungssystem „eine schlüsselposition bei der verteilung von lebenschancen“ zukomme

und daß die bildung stellung und chancen des einzelnen im späteren leben definiere.1133

die gesetzliche grundlage bestand – damals stärker als heute – darin, daß die länder vom grundgesetz eine weitgehende gestaltungsfreiheit für kulturelle fragen, besonders auch für bildungsfragen, erhalten hatten. Es handelt sich hierbei um den einzigen großen politikbereich, in dem die länder beinahe autonom schalten und walten können. Die einzigen einschränkungen ihrer autonomie liegen verfassungsgemäß in artikel 5, in dem die wissenschaftsfreiheit ausdrücklich auch auf die wissenschaftlichen institutionen ausgedehnt ist, und in artikel 7 (religionsunterricht) begründet. Der bund hatte keine (heute: wenig mehr) kompetenzen, die zuständigen gesetzgeber sind die landtage. Das heißt, daß laut grundgesetz das bildungswesen nur innerhalb der länder zentralisiert werden konnte.

in der praxis aber vereinheitlichte sich das bildungswesen, und dieses resultat erstaunt angesichts der gesetzlichen voraussetzungen.1134 Dafür gibt es zwei gründe: Erstens hat die bildungsbürokratie im alltag eine großes gewicht gewonnen.1135 Zweitens hat sich in der bundesrepublik eine besonderheit entwickelt, die sich aus der verbindung der zentralistischen politischen kultur einerseits und der fehlenden bundeszuständigkeit andererseits ergeben hat und die „die institutionalisierte kooperation zwischen den ländern und zwischen bund und ländern“ genannt wurde. Diese zusammenarbeit verkörperte sich in über 20 zentralen organisationen, die von bund und ländern finanziert wurden und teils noch werden.1136

daß das bildungswesen zur ländersache wurde, ist ein ausdruck des willens, die zentralisierung in diesem bereich nicht zu wiederholen, die von den nationalsozialisten 1934 durch die errichtung des reichsministeriums für wissenschaft, erziehung und volksbildung vollzogen worden war.

unmittelbar nach kriegsende hatten die westlichen besatzungsmächte (mit unterschiedlicher gewichtung) versucht, das deutsche bildungswesen durchlässiger, für

alle bevölkerungsschichten gleich erreichbar und demokratischer zu organisieren. Dennoch gelten die jahre zwischen 1945 und 1960 als die zeit der reformverhinderung, obschon einige reformentwürfe und

-ansätze hervorgebracht worden waren.1137 Die wichtigsten eckpunkte der institutionalisierten kooperation, die zur vereinheitlichung des bildungswesens in der bundesrepublik geführt hat, waren in diesen ersten jahren:

das erste zusammentreffen aller westdeutschen kultusminister in stuttgart-hohenheim am 19./20.2.1948, das zur ständigen konferenz der kultusminister der länder überleitete;

die verabschiedung des königsteiner abkommens am 31.3.1949, womit die gemeinsame finanzierung von forschungseinrichtungen beschlossen wurde (vor allem: max-planck-gesellschaft und deutsche forschungsgemeinschaft)1138;

die gründung des deutschen ausschusses für das erziehungs- und bildungswesen (konstitutierung am 22.9.1953), der bis 1965 als beratungsgremium arbeitete

und 1959 seinen rahmenplan

zur vereinheitlichung des schulwesens vorgelegt hatte1139;

die verabschiedung des düsseldorfer abkommens am 17.2.1955, wodurch das dreigliedrige schulsystem (hauptschule, realschule, gymnasium) festgeschrieben wurde.1140

 

in den fünfziger jahren begannen aber auch entwicklungen, die, anfangs noch schwach, bis in die sechziger jahre zu starken momenten der politik heranwuchsen. Zum beispiel wurde am 20.10.1955 das bundesministerium für atomfragen gegründet (erster minister: franz- josef strauß, csu), das ab dem 14.12.1962 als bundesministerium für wissenschaftliche forschung arbeitete (erst unter hans lenz, fdp, ab 26.10. 1965 unter gerhard stoltenberg, cdu) und ab dem 22.10.1969

in bundesministerium für bildung umbenannt wurde. Hieran läßt sich die akzentverschiebung der bildungspolitik deutlich ablesen.

durch ein verwaltungsabkommen zwischen der bundes- und den länderregierungen wurde am 5.9.1957 der wissenschaftsrat gegründet, ein gremium, das durch seine vielfältige gutachtertätigkeit die bildungspolitik der sechziger jahre mitgestaltete.1141 So beriefen sich die bildungspolitiker baden-württembergs bei ihren ersten plänen zum ausbau der wissenschaftlichen hochschulen auf die entsprechenden empfehlungen des wissenschaftsrates.

 

als ein moment der initialzündung

für die bildungsexpansion in der bundesrepublik gilt der 4.10.1957: der tag, an dem die sowjetunion

den ersten satelliten (sputnik) ins

all schickte. Der dadurch ausgelöste sputnik-schock der späten fünfziger jahre bestand im zweifel des westens, ob das eigene bildungssystem dem des ostblocks unterlegen und darum reformbedürftig sei.

hellmut becker, der sich zunehmend mit bildungsforschung

und -planung auseinandersetzte und 1963 zum gründungsdirektor des max-planck-instituts für bildungsforschung in berlin berufen wurde, nennt zwei gründe dafür, daß diese phase der schleichenden nicht-reform 15 jahre nach kriegsende endete und eine neue bildungspolitische zeitrechnung begann: einerseits ökonomischer druck und andererseits druck, der von ergebnissen der sozialwissenschaftlichen forschung erzeugt wurde.

der ökonomische druck ging nach hellmut becker davon aus, daß die mittelschichten zu anfang der sechziger jahre auf ein gestiegenes einkommen zurückgreifen konnten, in der folge nach mehr bildung drängten und eine kettenreaktion auslösten: wer früher hauptschüler gewesen sei, besuchte jetzt die realschule, der frühere realschüler drängte auf das gymnasium, wer früher das gymnasium nur zum teil besucht hatte, strebte jetzt nach dem abitur. Auch die wirtschaftliche entwicklung

hätte einen wachsenden bedarf nach qualifiziert ausgebildeten arbeitskräften hervorgerufen.1142

die sozialwissenschaftliche forschung, allen voran ralf dahrendorf, legte zu dieser zeit erste untersuchungen vor, aus denen hervorging, daß das bundesdeutsche bildungswesen keine chancengleichheit ermöglichte: „im wesentlichen waren es die gruppe der frauen, die gruppe der arbeiterkinder, die gruppe der landbevölkerung und die katholiken, die nachweisbar erheblich unterprivilegiert waren.“ Ralf dahrendorf fokussierte seine ergebnisse in dem brennpunkt des „modernitätsrückstands“ der deutschen gesellschaft.1143

diese zweite phase der bildungspolitik in der bundesrepublik, die ebenfalls rund 15 jahre dauerte (also grob von 1960 bis 1975) und die von einer regen reformtätigkeit geprägt ist, begann damit, daß die anregungen aus wirtschaft und wissenschaft in der fachöffentlichkeit aufgenommen wurden. Hierfür waren folgende momente kennzeichnend:

1962 beschloß die kultusministerkonferenz, eine bedarfsfestellung auszuarbeiten, die am 14.3.1963 veröffentlicht wurde: sie war die

erste offizielle planung im bildungswesen und legte unter anderem den ausbau der wissenschaftlichen hochschulen gemäß den empfehlungen des wissenschaftsrats nahe1144;

am 14. und 15.2.1963 beschloß die kultusministerkonferenz die gründung des max-planck-instituts für bildungsforschung;

bundeskanzler ludwig erhard (cdu) betonte am 18.10.1963 in seiner regierungserklärung, bildung, wissenschaft und ausbildung hätten für das 20. jahrhundert die gleiche existenzielle bedeutung wie die soziale frage für das 19. jahrhundert1145;

anläßlich ihrer 100. plenarsitzung am 5./6.3.1964 gab die kultusministerkonferenz die berliner erklärung ab, in der eine allgemeine anhebung des bildungsnivaus gefordert wurde.1146

 

mit einer artikelserie georg pichts

in der konservativen wochenzeitung christ und welt über die deutsche bildungskatastrophe wurde 1964 die breite öffentlichkeit für die anliegen der bildungspolitiker interessiert.1147 Georg picht stützte sich bei seiner analyse auf das argument, daß

die deutschen in zukunft eine rückständige gesellschaft bildeten, weil deutschland im internationalen vergleich zu wenig geld für sein bildungswesen ausgab. Einer oecd-studie zufolge rangierte deutschland hierbei an letzter stelle.1148

die schlüsse aus den nun präsentierten statistiken, die mitte

der sechziger jahre erhebliche auswirkungen zeitigten, werden heute teilweise erheblich kritisiert: „die

bildungsausgaben in der brd, so zeigten internationale vergleiche, waren recht bescheiden, und daraus zog man ebenso weitreichende wie ungesicherte schlüsse. Theorien

über zusammenhänge zwischen

wirtschaftswachstum und bildungsexpansion gewannen popularität; einer empirischen prüfung halten

sie freilich nicht stand.“1149

eine zweite serie journalistischer beiträge, die 1965 in der wochenzeitung die zeit, nun von ralf dahrendorf, veröffentlicht wurde, setzte die fragen der bildungsreform endgültig auf die politische tagesordnung. Dabei reichten die hoffnungen der bildungspolitiker, die sich von einer allgemeinen euphorie getragen

fühlten, weit über die eigentlichen sachfragen hinaus: „daß man über die bildung der individuen und damit zugleich über die entwicklung der gesellschaft bildungspolitisch verfügen könne, ist aber eine vorstellung, die zu beginn der sechziger jahre eine große anhängerschaft fand.“1150 Nach dem rücktritt ludwig erhards 1966 und mit der bildung

der großen koalition war die stunde der reformpolitiker gekommen:

sie nahmen jetzt eine umfassende struktur- und lehrplanreform des bildungswesens in angriff. Die wichtigsten ziele, welche um der chancengleichheit willen angepeilt wurden, bestanden darin, die vorschulen und kindergärten auszubauen, die aufnahmeprüfung im gymnasium durch eine orientierungsstu-fe abzulösen und das dreigliedrige schulsystem durch die gesamtschule zu ersetzen. 1966 beriet jedes landesparlament über ein eigenes hochschulgesetz.

der höhepunkt dieser phase des ausbaus der reformaktivitäten befindet sich aber außerhalb des zeitlichen rahmens dieser untersuchung. 1969 übernahm der bund bildungspolitische verantwortung. Die sozialliberale koalition erließ ein hochschulrahmengesetz, engagierte

sich massiv beim hochschulbau und gründete ein bundesministerium für bildung und wissenschaft. 1970 veröffentlichte die bundesregierung ihren ersten bildungsbericht und rief eine bund-länder-kommission ins leben, die 1973 den bildungsgesamtplan vorlegte. Die wissenschaft, die den stein mit ins rollen gebracht hatte, war über die verschiedenen organisationen der bund-länder-zusammenarbeit eng mit der politik und der bürokratie verbunden. Die wissenschaft formulierte auch die bildungspolitischen programme

der parteien und profitierte vom gestiegenen interesse an fragen der bildungsforschung und -planung.

So stiegen zwischen 1967 und 1974 die ausgaben für einrichtungen der bildungsforschung von 22 millionen mark auf 126 millionen mark.

wer sich heute mit den prognosen der damaligen analysen beschäftigt, kann sich hohn kaum verkneifen, auch wenn dieser spott aus der rückschau billig ist. Der wissenschaftsoptimismus, der auf das bildungswesen als ganzes projiziert wurde, trug auch den glauben an die zuverlässigkeit der ergebnisse der bildungsforscher und -planer. Trotz des unerhört dichten blätterwaldes, den die unzählbar vielen seiten der damaligen studien zusammengenommen ergeben, trotz der fülle des materials und der dichte und vielseitigkeit der untersuchten fragen konnte doch nicht die gesamte komplexität der wirklichkeit erfaßt und die zukünftige entwicklung vorhergesagt werden. So führte die bildungsexpansion auch zur überfüllung der hochschulen, und der versuch der kultusminister, diese überfüllung durch einen numerus clausus einzudämmen, schlug fehl. Hellmut becker, bald einer der wichtigsten protagonisten der deutschen bildungsforschung, wies die schuld von seiner zunft ab und erklärte die bürokratie zum schuldigen, denn

die reformziele seien in der bürokratischen umsetzung versandet:

„ein entscheidender punkt für diese ganze reform- und gegenreformperiode ist die tatsache, daß es nicht gelungen ist, die bildungsreform

auf die bildungsverwaltung auszudehnen, obwohl es auch hier massive vorstöße gab.“1151 Das heutige urteil über die epoche der bildungseuphorie und den aufschwung des bildungswesen zwischen 1960 und 1975 kann aber je nach standpunkt auch vernichtender ausfallen, etwa:

„die bildungsplanung ist gescheitert und insofern auch die um sie bemühte wissenschaft.“1152

 

 

 

Prof. Dr. René Spitz

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