06.10.2013

Publikation # [375]

Rezension: Ausstellung über den Designer Wilhelm Deffke im Museum Folkwang, Essen.
Veröffentlichung in: WDR 3 »Kultur am Sonntag«, 6.10.2013

Zu dieser Publikation
Das Folkwang-Museum widmet einem bislang weitgehend unbekannten Gestalter eine Ausstellung: Wilhelm Deffke. Wie kommt es dazu?
Der Nachlass Deffkes, eines Designers der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, wurde 2010 vom Berliner Sammler Torsten Bröhan und seiner Design Foundation erworben und aufgearbeitet. Die Ausstellung zeigt einen ersten Überblick über sein Schaffen. Der Begleitkatalog liefert einen wesentlich breiteren und tieferen Einblick in den Kontext seiner Zeit.
Ist dies nun ein weiteres Beispiel dafür, dass öffentliche Museen als Abspielstation instrumentalisiert werden, um Fundstücke zu nobilitieren und als Handelsware des Kunstmarkts aufzuwerten? Dieser Verdacht lässt sich nicht von der Hand weisen – weil der merkantile Aspekt heute nicht mehr aus dem Kunstmarkt herauszurechnen ist. Wer dies verleugnen würde, wäre blind oder verlogen. Andererseits muss sich das Museum Folkwang nicht verbiegen, denn dieser Gestalter ist es wert, dass man sich ihm widmet. Dass heute nur noch vermögende Sammler und Unternehmen dazu in der Lage sind, wissenschaftlichen Ansprüchen genügende Aufarbeitungen zu leisten, wirft ein düsteres Schlaglicht auf die Lage der Kultur und ihre Finanzierung. Aber es ist dennoch anerkennenswert, dass es überhaupt geschieht.
Gerda Breuer legt regelmäßig Wert darauf, dass es eine gestalterische Moderne jenseits von Werkbund und Bauhaus (und später: HfG Ulm) gab. Recht hat sie. Zweifellos fällt es uns schwer, uns mit diesem Gedanken anzufreunden. Das Schwarz-Weiß-Denken ist einfach zu verführerisch bequem.
Deffkes Arbeiten zeigen, dass systematisches Gestalten nicht zwangsläufig zur Monotonie des rechten Winkels führen muss. Davon abgesehen: Mit dem Abstand von 60-80 Jahren betrachtet, überzeugen viele von Deffkes Arbeiten immer noch durch ihre Prägnanz und visuelle Kraft. Und manche sind einfach nur schön.

Eine merkwürdige Facette bei dieser Geschichte verweist aber über die ästhetische Oberfläche hinaus auf den Sachverhalt, dass Design immer eine politische Dimension hat, auch wenn dies viele nicht wahrhaben wollen. Der amerikanische Designhistoriker Steven Heller hat nicht nur darauf hingewiesen, dass Wilhelm Deffke aus seiner Sicht als Begründer des modernen Logogramms zu gelten hat. Er hat auch beschrieben, dass eine von Deffkes Arbeiten eine stilistische Präzisierung des uralten Kultursymbols war, das wir heute als Hakenkreuz bezeichnen. (Heller stolperte darüber, als er den Nachlass Paul Rands bearbeitete, und Paul Rand wiederum hat sich wahrscheinlich für Deffke interessiert, weil eine Mitarbeiterin Deffkes Rand auf ihn aufmerksam gemacht hatte.) Es handelt sich bei diesem Signet um eine nicht beauftragte, freie Arbeit, die er in einer Selbstdarstellung seiner Leistungen als Grafiker neben vielen anderen Referenzen veröffentlichte. Dieses in vielen Kulturen seit Jahrtausenden bekannte, positiv besetzte Zeichen dient ihm lediglich für eine formale Übung, um seine Vorstellungen von gestalterischer Präzision zu praktizieren. Es ist allerdings zweifelhaft, ob die Nazis tatsächlich auf Deffkes Arbeit als Vorlage zurückgriffen. Wahrscheinlicher ist es, dass das Parteisymbol der NSDAP als eine Stilisierung aus einer anderen Quelle stammt. So ist es offensichtlich – nicht nur anhand dieses Beispiels, sondern wenn man sich darüber hinaus mit der Rolle der Gestaltung und der Gestalter in jedem totalitären Regime beschäftigt –, dass es keine »neutralen«, geradezu inhaltsleeren Formen gibt, deren Oberflächen von Designern unschuldig gestaltet werden. Form und Inhalt sind zwei Seiten der gleichen Medaille, die sich höchstens gedanklich, aber nicht wirklich trennen lassen.

Der Beitrag von Steven Heller ist als Text veröffentlicht:
observatory.designobserver.com/entry.html

… und hier als Film:
design.sva.edu/podcast/wilhelm-deffke/

 

Wenn Sie dies kommentieren oder mehr wissen möchten, können Sie mir gerne eine E-Mail senden.



Prof. Dr. René Spitz

Röntgenstraße 4a • 50823 Köln • spitz [at] renespitz [Punkt] de 

© 2018 Wortbild