13.12.2013

Publikation # [381]

Rezension: Till-Holger Borchert, Joshua P. Waterman (Hg.): »The Book of Miracles«, Köln: Taschen, 2013.
Veröffentlichung in: WDR 3 »Mosaik«, 13.12.2013
www.wdr3.de



Zu dieser Publikation:

Dass die Dinge nicht (zumindest: nicht nur) das sind, als was sie uns erscheinen, ist keine brandneue Vermutung. Dass sie auf etwas anderes verweisen, was sich jenseits ihrer oberflächlichen Erscheinung befindet, führt uns zum Spannungsverhältnis von Zeichen und Bedeutung. Im 16. Jahrhundert war das noch einfacher. Da war ein Blitz noch eine Botschaft und ein Ziegenfuß ein Körperteil des Teufels, da hatte die Geschichte noch Anfang (Schöpfung), Ende (Wiederkehr der Herrn) und das Leben einen Sinn (Warten auf die Erlösung der Menschheit).

Von dieser Geschichte erzählt ein Wunderzeichenbuch aus dem 16. Jahrhundert. Es ist die Geschichte des Universums aus einer besonderen Perspektive: Mit Blick auf die (von Hand gemalten) Bilder merkwürdiger, sonderbarer und fürchterlicher Himmelsphänomene, Kometen, Kreaturen und Naturkatastrophen vom Anfang der Welt – biblische Sintflut – bis ca. 1550 – dem Zeitpunkt der Herstellung des Buchs – und darüber hinaus.

Warum wollte sich ein vermögender Mensch zu dieser Zeit solche Bilder ansehen? In der Mitte des 16. Jahrhunderts verzeichnen wir ein erheblich gewachsenes Interesse an wunderbaren Erscheinungen, die als göttliche Zeichen gedeutet wurden, welche die Menschen daran gemahnen sollten, ein gottgerechtes Leben zu führen. Der gesellschaftspolitische Hintergrund: Die lutherische und reformierte Fokussierung von nahenden Endzeit-Vorstellungen. Damit einher geht eine technische Entwicklung: Erste Druckmaschinen erzeugen europaweit einen Boom von illustrierten Flugblättern und Flugschriften. Was wir bei den Sozialen Medien beobachten (geringer Nachrichtenwert, hoher Klatsch-Anteil, rasante Ausbreitung), gilt schon für diese Medien.

Darüber hinaus lässt sich in diesen Bildern die menschliche Faszination an der Erklärung der Welt durch Veranschaulichung des Schrecklichen, des Unerklärlichen durch das Unnatürliche und Übernatürliche ablesen. Wovon heute Hollywoods Katastrophen- und Alien-Filme leben.

Dieses Buch ist außergewöhnlich aufwändig illustriert. Es war äußerst kostbar, nur wenige Menschen kommen überhaupt in Betracht als Auftraggeber. Es war nicht gedacht für die weite Verbreitung, sondern als prachtvolles Unikat. Dieser Aufwand lässt sich nur dadurch erklären, dass es dem Auftraggeber um das Erlebnis der Anschauung ging. Denn die bloßen Fakten hätten sich auch aufzählen lassen oder als einfache Zeichnungen dargestellt werden können. Anhand der Serie von Himmelserscheinungen über Wien 1520 wird dies augenfällig, denn sie werden Seite für Seite aufeinander folgend gezeigt wie in einem Film: Die Wunder entwickeln sich nacheinander vor den Augen des Betrachters.

Einige der Illustratoren wirken eigentümlich grafisch modern durch ihren schlichten und hellen monochromen Hintergrund, durch ein klar gezeichnetes, einfaches Motiv und durch die flächige Komposition.

Merkwürdig ist, dass diese Bilder bis heute die Phantasie anregen, 450 Jahre nach ihrer Fertigstellung. Obwohl wir auf riesigen Kinoleinwände in 3D längst in anderer Realitätsnähe ganz andere Schrecken zu spüren bekommen haben.

An diesem Nachdruck eines Buchs aus dem 16. Jahrhundert voller Wunderzeichen fasziniert nicht nur die verblüffend modern wirkende Illustration einiger Mirakel. Sondern es beschleicht uns auch der Verdacht, dass ein zeitgenössischer Warenkatalog in 500 Jahren ein vergleichbares Staunen hervorrufen könnte.

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Prof. Dr. René Spitz

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