08.05.2014

Publikation # [399]

Rezension: Lars Müller (Hg.): »Die Neue Grafik 1958-1965«. Reprint aller 18 Ausgaben inkl. Kommentarband.
Veröffentlichung in: WDR 3 »Resonanzen«, 8.5.2014
www.wdr3.de



Zu dieser Publikation
Messbare Klarheit: So lautet der Anspruch an Gestaltung, wie sie von den vier Herausgebern der »Neuen Grafik« von 1958 bis 1965 in den 17 erschienenen Heften (das letzte Heft als Doppelnummer, darum 18 Ausgaben) propagiert wurde. Dieses Ideal ist unverständlich, solange es allein auf seine formal-ästhetische Dimension reduziert. Man wird dieser Moderne nur gerecht, wenn man anerkennt, dass es ein aufrichtiger Versuch war, um durch eine neue Herangehensweise zu einer neuen Form für zu gelangen, die den neuen Umständen gerecht wurde.
Zu diesen neuen Umständen zählte ein sich ausbreitender materieller Wohlstand. Die Wegwerfgesellschaft entstand. Kurzfristiger Konsum mit wachsender Bedeutung der symbolischen gegenüber den praktischen Funktionen trat als neues Verhalten auf. Vielfache Fortschritte in Forschung und Technologie untermauerten den Glauben an die rational-wissenschaftliche Erkennbarkeit der Welt. Universelle Gesetze mussten auch für Fragen der Gestaltung gelten, sie mussten nur definiert werden. Eine bessere Zukunft konnte konstruiert werden, solange die Gestalter vernunftbasierte Planung betrieben und die Entscheidungen in einer eindeutigen linearen Abfolge getroffen wurden. In sachlicher Information bestand die Verantwortung der Gestalter, nicht in genialischer, subjektiver Kunst.
Das Ergebnis ist bekannt. Die gültigen Resultate dieser Haltung sind längst zu Ikonen stilisiert worden, deren Qualität nach künstlerischen Maßstäben und nicht nach vermeintlicher Objektivität naturwissenschaftlicher Kriterien bewertet werden muss. Anders gesagt: Diese Doppelseiten sind einfach schön. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Daraus lassen sich keine allgemeingültigen Gestaltungsgesetze ableiten.
Intellektuell bemerkenswert sind die längeren Texte mit dem Charakter eines Manifests. Sei es, dass Heldentaten der historischen Avantgarde aus den 1920/1930er Jahren rekapituliert werden, sei es, dass programmatische Manifeste vorgetragen werden. Dass der Reprint gerade jetzt als verlegerische Leistung gelingen konnte, deutet darauf hin, wie groß derzeit die Sehnsucht nach scheinbaren Gewissheiten und Idealen wie in den 1960er ist. Das sollte eigentlich nicht verwundern, denn Gestaltung ist nicht beliebig.

 

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Prof. Dr. René Spitz

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