04.07.2014

Publikation # [407]

»Unsichtbare Dinge: Typisch deutsch, typisch chinesisch«, in: Vagabund Nr. 1/2014
www.vagabund.de



»Die Dinge, mit denen wir uns umgeben, drücken viel über uns aus. Die satirische Phrase »Mein Haus, mein Auto, meine Yacht« verdichtet dieses Phänomen: Es sind gerade die ins Auge springenden Dinge, von denen wir gezielt möchten, dass sie etwas Wichtiges über uns ausdrücken. Das Vordergründige, Oberflächliche steht hierbei im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Was aber sagen diejenigen Dinge über uns aus, die wir schon längst nicht mehr wahrnehmen, weil sie sich seit Jahrzehnten als vertrauter Bestandteil unserer Umgebung so selbstverständlich darin einfügen, als ob sie naturalisiert wären?

Der ehemals in China allgegenwärtige Spucknapf ist mittlerweile weitgehend verschwunden, weil das Spucken gesellschaftlich geächtet ist.
Nun taucht er in Geschäften mit Shopping-Sortiment nach westlichem Vorbild als Deko-Artikel wieder auf.


Design und Ethnologie verbindet eine grundlegende Gemeinsamkeit: Beide beschäftigen sich mit dem Menschen. Diese Aussage klingt vielleicht überraschend, wenn man mit dem Phänomen Design nur Produkte verbindet, die bewusst schrill und auffällig gestaltet werden, um einen kurzfristigen Absatzerfolg zu erzielen. In einem solchermaßen ökonomisch eingeengten Verständnis erscheint Design zwangsläufig als Synonym für einen Betrug am Käufer, welcher durch eine modisch-schicke Oberfläche von der Entdeckung minderer Gebrauchstüchtigkeit abgelenkt werden soll. Zwar ist dieses Zerrbild nicht grundlos entstanden, aber tatsächlich bildet es erfreulicherweise doch nur einen kleinen Teil der Wirklichkeit ab. Design nennen wir heute – jenseits aller ästhetischen Wertung – jede Art von Gestaltung, die mit dem Ziel der Serienproduktion entwickelt wird. Denn Design ist ein wesentlicher Bestandteil der Industrialisierung und zugleich einer ihrer treibenden Erfolgsfaktoren, insbesondere in den letzten 50 Jahren. Vor der Industrialisierung gab es kein Design, sondern nur Handwerk, dessen zentrales Merkmal darin besteht, dass es sich dabei gerade nicht um eine arbeitsteilige Tätigkeit handelt, sondern um eine ganzheitlich entwerfende, gestaltende, produzierende und verkaufende Praxis.

Gelungenes Design bietet dem Menschen eine hilfreiche Lösung für eine konkrete Aufgabe. Erkenntnisse über die Beziehung des Menschen zu den Dingen sind deshalb von großem Interesse fürs Design – und darin besteht die Verbindung zur Ethnologie. Darum kann es auch nicht verwundern, dass Klassiker der Ethnologie und Anthropologie wie »Die Gabe« von Marcel Mauss oder »Die Argonauten des westlichen Pazifiks« von Bronislaw Malinowski zum Lektürekanon der Designtheorie zählen. In diesen Texten werden fundamentale Aussagen über die allgemeine Beziehung der Menschen zu den Dingen, die sie erschaffen haben, getroffen – unabhängig davon, ob sie in einer westlichen Industriegesellschaft oder auf einer abgelegenen Insel in Polynesien leben. Wir erkennen darin, dass den Menschen und seine Dinge offensichtlich schon immer eine zwiespältige Beziehung verbunden hat: Wer formt hier eigentlich wen, wer unterliegt wessen Einfluss und Kontrolle? Mit einem Blick auf unseren heutigen Alltag gewendet: Bediene ich mein Smartphone oder werde ich bedient?

Umgekehrt liegt es auch nahe, dass sich schon seit geraumer Zeit fortschrittliche Ethnologen mit Design beschäftigen. Zu den anregendsten Veröffentlichungen, die aus dieser Richtung entstanden sind, zählen die Bücher des britischen Wissenschaftlers Daniel Miller, in denen er z.B. über die Erkenntnisse aus seiner ethnologischen Feldforschung in den Wohnungen einer beliebigen Straße Londons berichtet. Was dem Südsee-Forscher vor hundert Jahren die von der westlichen Zivilisation unberührte Ethnie war, ist Miller heute die verwitwete Rentnerin als einer von vielen Bewohnerinnen dieser Straße. Um sie zu verstehen, muss er ihre Umgebung (Sofa, Küche, Lampe etc.) entschlüsseln – und dieser besteht heutzutage fast vollständig aus Design.

Wenn wir mehr erfahren wollen über die Beziehungen zwischen den Menschen und ihren Dingen, liegt es nahe, die Dinge selber unter die Lupe zu nehmen. Der klassische kunsthistorische Blick jedoch verführt dazu, sich von der schillernden Anziehungskraft der Oberfläche verführen zu lassen und sich vorwiegend unter formal-ästhetischen Perspektiven mit besonderen Dingen zu beschäftigen. In der Designgeschichte sind dies z.B. die Radios, Autos, Stühle und Toaster, die als sogenannte „Ikonen“ die technische und stilistische Entwicklung der westlichen Industrienationen veranschaulichen. Allerdings handelt es sich bei diesen Produkten nur in den seltensten Fällen um Gegenstände des alltäglichen Gebrauchs in vielen Haushalten. Wenn wir etwas über unsere gegenwärtige Gesellschaft erfahren wollen, dann lohnt sich ein Blick auf die Dinge, mit denen wir uns seit Jahrzehnten in unserem Alltag umgeben. Dabei steht uns die Gewöhnung im Wege. Sie verhindert, dass uns bewusst ist, wie wenig selbstverständlich die Dinge, die zu unserem Leben gehören, in Wirklichkeit sind. Sie sind für uns geradezu unsichtbar geworden.

Erst durch den Blick von außen treten sie wieder als etwas Ungewöhnliches, von Menschenhand Gemachtes, als Artefakt in Erscheinung. So ergeht es uns, wenn wir zum Beispiel nach China reisen: Wir sehen dort einen schön geformten, bunt dekorierten Gegenstand, den wir mitnehmen und zuhause als Blumenvase nutzen – dabei handelt es sich dort um einen Spucknapf! Umgekehrt wundert sich ein Mensch, der in China aufgewachsen ist, warum sich manche Deutsche zu bestimmten Anlässen rote Schaumstoffkugeln auf die Nase setzen – Karneval lässt grüßen!

Nimmt man die Dinge aus ihrer alltäglichen Umgebung heraus, werden sie uns wieder als etwas bewusst, das es nicht schon immer und überall so war, wie es jetzt ist. Dadurch entsteht Raum für die Einsicht, dass mit den Dingen besondere Bedeutungen verbunden sind, die wir ihnen geben. Ihre Bedeutung haftet nicht an ihren Äußerlichkeiten, sondern an ihrem Gebrauch. Der parallele Blick auf alltägliche Gegenstände in zwei Gesellschaften wie Deutschland und China führt zur Erkenntnis, dass sich zumindest vier Arten der Verschränkungen von Formen und Bedeutungen beobachten lassen.

Teilweise hat uns die Globalisierung bereits synchronisiert: Ess-Stäbchen und Wischmop sind auf beiden Seiten des Globus »nur« Ess- Stäbchen und Wischmop. Teilweise sind unsere Gesellschaften von Dingen bevölkert, die uns als Fremden einfach fremd sind: Eine Gugelhupf-Backform ist in China unbekannt, in Deutschland gibt es keine motorisierte und mit Blech verkleidete Rikscha. Teilweise sehen die Dinge unterschiedlich aus, aber ihre Funktionen sind vergleichbar: In Deutschland ist das Mensch-ärgere-dich-nicht- Spiel beliebt, in China sieht man überall im öffentlichen Raum, dass sich vier Menschen an einem Tisch bei einer Partie Mah-Jongg vergnügen – die Gegenstände können einfach ersetzt werden.

Motorisierte, individuell veränderte Rikscha: Ein fester Bestandteil des Straßenverkehrs in Peking.


 

Und teilweise erscheinen uns die Dinge vergleichbar, aber es sind völlig unterschiedliche Bedeutungen damit verbunden. Ein Stempel sieht in Deutschland und China ähnlich aus, er wird aus ähnlichen Materialien hergestellt und seine Handhabung geschieht gleich. Während wir ihn aber in Deutschland höchstens beiläufig wahrnehmen, handelt es sich in China um einen äußerst wichtigen Gegenstand, dessen Fehlen den Alltag zum Stillstand bringt. Es dauert einerseits viele Wochen, bis die zuständigen Behörden dem Antrag einer Privatperson oder eines Unternehmens auf Herstellung eines Stempels ihre Zustimmung erteilen. Andererseits hängen viele Abläufe des Alltags davon ab, dass sie durchs Stempels besiegelt werden. Wenn Fabrikarbeiter das Management zum Verhandeln zwingen wollen, versuchen sie, Stempel aus der Verwaltung in ihren Besitz zu bringen, weil dann die Geschäftstätigkeit des Unternehmens zum Erliegen kommt.

Ein weiteres Beispiel für Dinge, deren Äußerlichkeiten uns dazu verleiten, auf funktionale Parallelen zu schließen, ist eine rote Unterhose. In Deutschland vermittelt ein solches Kleidungsstück eventuell erotische Gedanken. In China jedoch wird rote Unterwäsche traditionell von den Menschen alle zwölf Jahre täglich getragen, weil damit Schutz vor den Ungewissheiten des Lebens in einer kritischen Phase verbunden wird. Das hängt mit den chinesischen Tierkreiszeichen zusammen. In deren Systematik ist in ständiger Abfolge eines von zwölf Tieren das Zeichen für alle in einem Jahr Geborenen. Das Jahr des eigenen Tierkreises gilt als Zeit, in dem sich viele Veränderungen vollziehen, und diese möchte man in eine gute Richtung beeinflussen. Die Farbe rot steht in China für Wachstum und Freude, ihr wird nachgesagt, Glück anzuziehen. Rote Unterhosen wehren also schädliche Einflüsse ab.

Auf der Leine in einem Hutong in Peking: Rote Unterwäsche als traditioneller Glücksbringer.


Besonders interessant ist die Variante von Dingen, denen wir äußerliche Ähnlichkeiten zuschreiben und daraufhin auch vergleichbare Bedeutungen unterstellen, obwohl es sich anders verhält. Dazu zählt z.B. die populäre Figur des Guan Yu, eine Art Hausgott, dem schützende Kräfte zugeschrieben werden. Es ist nicht ungewöhnlich, eine kleine Statue auf eine Reise mitzunehmen, um sicher zu sein, dass alles gutgehen wird. In Deutschland wiederum ist die Figur des Gartenzwergs äußerst populär, nicht nur in seiner überlieferten Form sondern auch in aktualisierten, teilweise ironisch gebrochenen Erscheinungen. Am Beispiel des Gartenzwergs lässt sich anschaulich ausloten, welche Bedeutungsfacetten gerade mit den unsichtbar Dingen verbunden sind. Zwerge gibt es nicht nur in Deutschland. Die Figur des in Höhlen hausenden, kleinen Wesens ist eine fester Bestandteil der nordischen Mythen. Der Zwerg ist zwar dem Menschen recht ähnlich. Aber beide mögen sich nicht sonderlich. Denn der Zwerg erscheint dem Menschen wie eine groteske Verzerrung seiner selbst. Körperlich geschrumpft, zugleich mit riesenhaften Kräften und ungewöhnlicher Ausdauer ausgestattet, nutzt der Zwerg seine natürlichen Gaben doch nur für einen einzigen Zweck: Er ist davon besessen, Schätze anzuhäufen, indem er insbesondere Edelmetalle und Edelsteine, aus dem Unterirdischen herausgräbt. Der Reichtum hat keinen weiteren Sinn. Zwerge würden sich nie im Leben von ihrem Gold trennen, um sich ein angenehmes und bequemes Leben zu gönnen. Auf solch einen Gedanken können nur Menschen kommen, und für diese Schwäche und die damit verbundene Verführbarkeit verachten die Zwerge die Menschen. Der berühmteste deutsche Held, der Recke Siegfried aus der Nibelungensage, ist mit Requisiten des Zwergenkönigs Alberich ausgestattet, den er besiegt hat: die Tarnkappe, die ihn unsichtbar macht, sobald er sie überzieht; das Schwert Balmung; der Nibelungenhort genannte Schatz; sowie die Armee der Nibelungen. Zwerge scheuen den Umgang mit Menschen. Doch seit 1872 zeigen sie sich immer häufiger an der Erdoberfläche. In den Parkanlagen der fürstlichen Schlösser dienten sie zwar schon im Barock als Motive für Skulpturen. Aber die bürgerlichen Gärten haben sie erst als niedliche Verkörperung der Bergleute im späten 19. Jahrhundert erobert. Diese sogenannten Gartenzwerge sind eine Geschäftsidee aus dem Ort Gräfenroda am Saum des Thüringer Waldes. Traditionell wird hier bergmännisch Silber und Kupfer abgebaut. Durch die Verwandlung der grimmigen und bösartigen Mythengestalt in eine harmlose, mit den Zügen von Kindergesichtern ausgestattete Märchenfigur ist der Gartenzwerg zum Inbegriff des Kitsches geworden. Dass ihm dieses Etikett der kritischen Intellektuellen anhaftet, hat aber an seiner Popularität nichts geändert. Etwa 25 Millionen Exemplare sollen die deutschen Vorgärten – rund 15 Millionen freistehende Einfamilienhäuser – bevölkern. Weitere typischen Dinge aus China und Deutschland zeigt das Museum für Völkerkunde Hamburg noch bis zum 23. November 2014.«

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Prof. Dr. René Spitz

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