17.01.2016

Vortrag

»Radikal konstruktiv: Piero Fornasettis Kritik der unpraktischen Vernunft«. Vortrag zur Eröffnung der Ausstellung »Architekturphantasien von Fornasetti«, Ungers-Archiv für Architekturwissenschaft, Köln, 17.1.2016

Eines der zentralen Paradigmen der gestalterischen Moderne ist Transparenz.

Dieses Paradigma bezieht sich vordergründig auf unseren visuellen Sinn, aufs Sehen. Darüber hinaus, als Metapher, auf unsere Sichtweise, auf unsere Weltsicht und unser Menschenbild.

Die Idee lautet, dass Transparenz notwendig sei, um politische und gesellschaftliche Ideale der Moderne zu realisieren: Demokratie, Emanzipation, ein friedliches Zusammenleben auf der Grundlage von Toleranz und Rechtsstaatlichkeit.

Als Konsequenz schlossen gestalterische Akteure der Moderne oft daraus, dass sie Tragkräfte, die Kraftzentren und Kraftfelder, transparent machen müssten, damit sich die Macht nicht verstecken könne: Durchsicht im Grundriss des Rathauses verschaffe den Bürgern der Stadt Einsicht und Klarsicht in das, was da in Politik und Verwaltung geschieht. Das mathematisch konstruierte, technisch effiziente Raster lege ein vernünftiges Fundament für die Gestaltung moderner menschlicher Beziehungen.

So ungefähr lautet das Credo der Moderne.

Das ist natürlich etwas kurz geschlossen: Ein Kurzschluss. Wir können uns an Schillers Briefe über die ästhetische Erziehung erinnern oder an die Beobachtung von Freud, der uns darauf aufmerksam macht, dass wir uns nicht einmal uns selbst transparent sind.

Auf diesen ideologischen Irrtum der Moderne weist uns Fornasetti hin. Unser Leben wird nicht dadurch reicher, dass wir in uniformen Glaskästen wohnen und arbeiten.

Unsere Handlungen werden durch Transparenz operationabel: Wenn ich die Kalorien bei jedem Essen zähle, kann ich auf mein Gewicht unmittelbarer Einfluss nehmen. Das bedeutet auch nicht unbedingt, dass der Genuss verschwindet. Er verschwindet vielleicht mit den Kalorien, mit dem Fett und dem Zucker, aus dem Essen. Aber vielleicht empfinde ich ja einen narzisstischen Genuss im Anblick meines Spiegelbilds.

Transparenz hebt also unsere Verantwortung für die Vielgestaltigkeit des Lebens nicht auf. Sie verschiebt nur den Zeitpunkt und den Ort, an dem sich die Widersprüche manifestieren.

Fornasetti lässt uns am Genuss des Lebens teilhaben, indem er sein Spiel mit der Transparenz treibt.

 

Fornasetti ist ein leidenschaftlicher Spieler, davon zeugt nicht nur seine Vorliebe für Spielkarten als Gestaltungsmotive. Er zeigt sich uns insofern auch als renaissancehaft vollständiger Mensch, als er eben auch ein homo ludens im Sinne Huizingas ist.

Das Spiel im Sport und am Tisch lebt davon, dass seinen Teilnehmern ein Wechsel der Positionen gegenwärtig ist. Nur, weil ich eine Position einnehme, heißt das nicht, dass es keine andere gibt. Ganz im Gegenteil, ohne eine Gegenposition gibt es überhaupt kein Spiel.

Fornasetti spielt auf der Ebene unserer Wahrnehmung. Dieses Spiel gelingt ihm, weil er sich auf die Illusion unseres Verstandes verlassen kann, der sich am liebsten darauf zurückzieht, dass nur das existiert, was wir momentan sehen. Seine Vexierspiele führen uns alltäglich vor Augen, dass unsere Wahrnehmung eine permanente Konstruktion subjektiver Bedeutung ist.

Die Säule steht da nicht in der Ecke, wir nehmen nur eine Erscheinung wahr, die wir von diesem Standpunkt und zu diesem Zeitpunkt als Säule deuten. Die Bücher stehen nicht im Regal, sondern wir deuten nur die Erscheinung als Bücherwand. Wenn wir unsere Standpunkt aufgeben und z.B. uns der Erscheinung nähern, bemerken wir, dass unsere Sinne getäuscht wurden. Wir registrieren, dass sich die Aussicht, die uns eben noch geboten wurde, einen Moment später und einen Schritt weiter als etwas anderes herausstellt.

Diese Erkenntnis können wir als reizvoll erleben, wenn wir das Spiel mögen. Vielleicht ärgern wir uns auch darüber, dass unser Verstand auf die unzuverlässige Konstruktion unserer Sinneswahrnehmung reingefallen ist, wenn wir ein Kontrollfetischist sind. Dann ist das Leben möglicherweise relativ freudlos und enttäuschend.

In diesem Zusammenhang erweist sich Funktion auch als Fiktion, und zwar immer dann, wenn wir die Dinge eindimensional auf ihre basale Rolle als Erfüllungsgehilfen für einen einzigen praktischen Gebrauchszweck reduzieren. Im Spiel des Lebens ist die Funktion auch abhängig von der Narration (und symbolische Gebrauchsdimensionen sind in postmodernen Gesellschaften ebenso wichtig wie in vorindustriellen).

 

Die Stadt ist das Zentrum der Moderne. Urbanes Leben ist durch seinen Facettenreichtum und seine Vielgestaltigkeit geprägt. Die moderne Stadt ist eine zeitliche und räumliche Verdichtung von widersprüchlichen und gegensätzlichen Interessen und Wünschen.

In der Stadt geschieht es gleichzeitig, das Hässliche steht neben dem Schönen – was wir gerade so als schön wahrnehmen. Im Hotel trifft sich in einem Saal die Trauergemeinde nach einer Beerdigung, während im anderen Saal Karneval gefeiert wird.

Der Wert der Urbanität liegt im Gleichzeitigen, das bedeutet nicht unbedingt Gleichwertigen, aber im Nebeneinander von gleichermaßen Berechtigtem, und diese parallele Existenz ist unbedingt gewünscht. Der Reichtum des städtischen Lebens speist sich aus seiner Heterogenität, nicht aus der Uniformität einer Retorte.

Stadt ist oszillierende Ambiguität, und nicht ordinäre, vulgäre Eindeutigkeit. All das veranschaulichen Fornasettis Arbeiten als Kondensat moderne Urbanität, und darum haben sie etwas mit uns zu tun.

 

Wenn das so ist, warum haben wir dann Fornasetti 40 Jahre lang nicht auf dem Schirm gehabt? Offensichtlich ist er einem üblen Missverständnis zum Opfer gefallen, und da ist er ja auch nicht der einzige.

Walter Gropius – zweifellos für die Ideenlehre der modernen Gestaltung eine unverdächtige Person – kam 1955 aus Cambridge nach Deutschland, um in Ulm die Gebäude der Hochschule für Gestaltung einzuweihen. In seiner Festrede riet er den jungen Studenten und dem Lehrkörper, das Magische in der Kultur zu bewahren. Höflicher Applaus war das äußerste an Reaktion, sein Hinweis wurde konsequent ignoriert.

Das Magische war da längst als das Obskure diskreditiert und suspekt. Mit dem Magischen ist bei uns viel eher der blickdichte Vorhang, die arglistige Täuschung und eine undurchschaubare kultische Praxis konnotiert. Dass das Magische mit dem Geheimen und dadurch auch mit dem Reizvollen verbunden ist, wird ausgeblendet.

Es gibt auch das Unerklärliche. Das Offensichtliche ist das Banale und deshalb reizlos. Wir können diese Dimension des Magischen als eine Tatsache einbeziehen und gestalten. So müssen wir Pablo Neruda verstehen, der seinen Freund Piero Fornasetti beschrieben hat als »creator of a precious and precise magic.«

Auch das Periphere, das aus dem Zentrum des Geschehens, aus dem Fokus der Aufmerksamkeit Verrückte ist ein notwendiger Bestandteil des Ganzen. Gestaltung in Architektur und Design dient dem ganzen Menschen mit all seinen Bedürfnissen, nicht nur dem rationalen Anteil.

Wir könnten sagen, Fornasetti praktiziere die Kritik der unpraktischen Vernunft. Das ist eine zutiefst humanistisch Ausrichtung, und dieser Humanismus verbindet Fornasetti wiederum mit Ungers und diesem Ort.

 

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Prof. Dr. René Spitz

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