Bauhaus und Ulm zwischen Annäherung und Abgrenzung

Bauhaus und Ulm zwischen Annäherung und Abgrenzung

Beitrag zur Ausstellung »Zwischen Statement und Inspiration / 99 Jahre Bauhaus«, Galerie formformsuche, Martin Bohn + Partner, Filzengraben 22, 50676 Köln, vom 7. April bis 12. Mai 2018, http://formformsuche.de/

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Arbeiten von Hans G. Conrad in der Grundlehre bei Walter Peterhans und Josef Albers an der HfG Ulm, 1953–1955. Copyright: René Spitz 

Der Bauhaus-Schüler Max Bill (* 1908 Winterthur; † 1994 Berlin) hatte Anfang der 1950er Jahre entscheidenden Anteil an der Gründung der Hochschule für Gestaltung (HfG) Ulm. Gemeinsam mit Inge Scholl (* 1917 Ingersheim-Altenmünster; † 1998 Leutkirch) und ihrem späteren Ehemann Otl Aicher (* 1922 Ulm; † 1991 Günzburg) engagierte er sich dafür, dass eine private Hochschule entstehen konnte, die sich mit Fragen der Gestaltung in einer neuen Weise beschäftigte. Insofern war schon in der Person Bills vielfältiges Potenzial vorhanden sowohl für eine Anknüpfung an das Wirken des Bauhauses als auch für eine kritische Distanz.

Das lässt sich von Anfang an deutlich an seinen Äußerungen verfolgen, etwa in dem Beitrag von 1951 für eine Tageszeitung unter der berühmt gewordenen Überschrift: »Bei uns kann man nicht Maler werden«. [1]
Und drei Jahre später, als der Campus auf dem Ulmer Kuhberg schon mitten im Bau war, präzisierte Bill: »wir betrachten in ulm die kunst als die grundlage aller andern dinge die wir dort machen. aber wir verstehen unter kunst nicht irgendwelche ›selfexpression‹ sondern wirklich kunst. […] in ulm werden wir uns mit viel extremeren, neueren und allgemein gültigen gestaltungsfragen beschäftigen.«  [2]

Es war in den Augen der HfG-Gründer schlichtweg nicht möglich, einfach dort weiter zu machen, wo Deutschland 1933 gestanden hatte und an die bis zum Nazi-Regime geltenden Werte, Überzeugungen und Traditionen unkritisch wieder anzuknüpfen. [3] Deshalb war auch das Verhältnis der HfG-Gründer zum Bauhaus differenzierter, als die Rede von der HfG als »Bauhaus-Nachfolge« ahnen lässt. Als Vehikel zur Überzeugung von Entscheidungsträgern in der Politik und Wirtschaft war die Vokabel »Bauhaus« hilfreich, weil sie eine ungefähre Vorstellung davon transportierte, mit welchen Themen sich die HfG auseinandersetzen wollte und warum dies nicht an einer bestehenden staatlichen Hochschule realisiert werden könne. Max Bill hatte dort selbst studiert, er pflegte gute Kontakte zu einigen einflussreichen Bauhaus-Akteuren, unter anderem zu Walter Gropius (* 1883 Berlin; † 1969 Boston) und Josef Albers (* 1888 Bottrop; † 1976 in New Haven). Bill sprach davon, dass die HfG an der Stelle anfangen sollte, wo sich das Bauhaus befände, wenn es nicht 1933 geschlossen worden wäre – er projizierte also einen imaginären Fortschritt von 12 Jahren Weiterentwicklung auf die Ulmer Schule.

Diese Überzeugung teilte er anfangs mit Otl Aicher. Sie gingen von der Idee aus, dass die Vernunft die Basis aller gestalterischen Tätigkeiten sein müsse, um neue Sprache, neue Bilder, neue Botschaften und Gerätschaften für eine neue Gesellschaft hervorzubringen. Jeder Appell an das Gefühl war in ihren Augen völlig diskreditiert, weil sich die propagandistischen Nazi-Inszenierungen so perfide der emotionalen Überwältigung der Menschen bedient hatten.

Unter diesen Rahmenbedingungen ergab es sich schlüssig, dass im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit an der HfG über die gesamte Dauer ihrer Existenz hinweg Themen standen, die einem aufklärerischen Impetus folgen. Es ging stets um vernunftbasierte und an die Vernunft appellierende, differenziertes Wissen voraussetzende oder vermittelnde Aufgaben. Insofern kann behauptet werden, dass jegliche typografische Aktivität der HfG zumindest tendenziell, meist aber explizit, Wissensvermittlung zum Ziel hatte, um die freiheitliche, demokratische, friedliche und emanzipierte Zivilgesellschaft in Europa zu stärken.

Der Unterricht an der HfG begann in provisorischen Räumen der Ulmer Volkshochschule am 3.8.1953 mit einer Grundlehre des ehemaligen Bauhaus-Meisters Walter Peterhans (* 1897 Frankfurt am Main; † 1960 Stetten bei Stuttgart). [4] Daran schloss sich eine Grundlehre von Josef Albers [5] an, die über den Jahreswechsel 1953-1954 dauerte. Albers kehrte 1955 noch einmal für eine mehrwöchige Grundlehre zurück an die HfG.

An beiden Grundlehren nahm Hans G. Conrad (* 1926 Remetschwil als Johann Gerold Konrad; † 2003 Köln) teil. Bill hatte Conrad dazu motiviert, sich am Aufbau der HfG zu beteiligen. Conrad wurde ihr erster Student, sein Studentenausweis datiert vom 1.1.1953.

Conrad nahm unter den HfG-Studenten eine besondere Position ein, u.a. weil er mit seiner Leica unzählige Bilder vom Leben in der HfG aufnahm. Es sind Zeugnisse des Neuen Sehens, auf der Suche nach einer neuen Avantgarde, nach neuen Gerätschaften, neuen Botschaften, neuen Räumen und neuen visuellen Ausdrucksmöglichkeiten für eine neue Gesellschaft.

Die in der Ausstellung gezeigten Papiearbeiten Hans G. Conrads stammen aus der ersten Grundlehre bei Walter Peterhans, August bis September 1953 (Tusche auf Schoellershammer Reinzeichenkarton), und bei Josef Albers (Farbpapiere), Dezember 1953 bis Januar 1954.

[1] Max Bill: »Bei uns kann man nicht Maler werden… Gedanken zu einer Hochschule für Gestaltung«. In: Die Neue Zeitung, 11.9.1951.
[2] Max Bill: Brief an Asger Jorn, 14.1.1954. Zitiert nach: Dieter Schwarz: »Une rencontre entre un ›p’tit suisse‹ et un ›grand danois‹. Max Bill und Asger Jorn im Streit um das neue Bauhaus«. In: Max Bill: Aspekte seines Werks. Hg. vom Kunstmuseum Winterthur und Gewerbemusem Winterthur. Sulgen, Zürich 2008, 108–121, 111.
[3] Zur politischen Geschichte der HfG vgl. René Spitz: HfG Ulm. Kurze Geschichte der Hochschule für Gestaltung. Anmerkungen zum Verhältnis von Design und Politik. A brief history of the Ulm School of Design. Notes on the relationship between design and politics. Zürich 2013.
[4] Vgl. Christiane Wachsmann (Hg.): Objekt + Objektiv = Objektivität. Fotografie an der HfG Ulm 1953–1968. Ulm 1991. – Barbara Stempel; Susanne Eppinger Curdes (Hg.): Rückblicke. Die Abteilung Visuelle Kommunikation an der hfg Ulm 1953–1968. Ulm, 24–31.
[5] Zu Albers‘ Pädagogik vgl. Frederick A. Horowitz,‎ Brenda Danilowitz: Josef Albers. To Open Eyes. London 2009.

Arbeiten von Hans G. Conrad in der Grundlehre bei Walter Peterhans und Josef Albers an der HfG Ulm, 1953–1955. Copyright: René Spitz

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