10.07.2011

Publikation # [324]

»Ulm according to Conrad«/»HfG in Farbe«.
Veröffentlichung in: form, 239/2011

www.form.de



»Die HfG Ulm ist im kollektiven Gedächtnis schwarz-weiß. Denn von den vielen hundert Fotos, die seit ihrer Gründung 1953 gedruckt worden sind, wurden nur ein paar Handvoll farbige veröffentlicht.

Schwarz-weiß signalisiert: Vergangenheit. Die Situationen, die fotografisch festgehalten wurden, sind schon so lange vergangen, dass Augenzeugen immer rarer werden, die uns durch ihre Schilderung ein lebendiges Bild vermitteln könnten.

Unter den ca. 10.000 Fotos, die Hans G. Conrad in seiner Zeit als Student an der HfG Ulm aufgenommen hat, befinden sich 61 Farbdias. Sie zeigen die berühmte Architektur Max Bills kurz nach ihrer Fertigstellung und sind bisher nicht veröffentlicht worden – im Unterschied zu einigen seiner Bilder aus den ersten Jahren der HfG Ulm, die mittlerweile schon kanonischen Status angenommen haben. Der Fotograf Hans G. Conrad ist jedoch kaum bekannt, obwohl er in entscheidenden Konstellationen des deutschen Nachkriegsdesigns herausragende Positionen eingenommen hat.

Johann Gerold Konrad nannte sich Hans G. Conrad. Er wurde am 11. Juni 1926 in Remetschwil im schweizerischen Aargau geboren und ist sehr arm aufgewachsen. Die Armut der Familie, aber darüber hinaus auch die schwierigen wirtschaftlichen Verhältnisse in der gesamten Schweiz bis in die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg haben Conrads Leben geprägt. Er besuchte die Werkschule von Brown-Boveri in Baden. Einige Arbeiten, aber kaum Einzelheiten sind aus diesen frühen 1940er Jahren überliefert.

In Zürich geriet Conrad in Kontakt zu Max Bill und wurde ein enger Freund der Familie. Max Bills Frau Binia schenkte ihm einen Hund, einen Chow-Chow, der ihn 1953 an die neugegründete HfG begleitete. Weil Conrad äußerst sparsam lebte, konnte er sich schon bald eine Leica leisten. Damit dokumentierte er die Aufbauphase in Ulm.

Seine ersten datierten Aufnahmen stammen aus dem Sommer 1953 und zeigen Otl Aicher im Kittel, wie er zusammen mit den ersten Studenten in einer Arbeitspause auf einem Balkon in der Ulmer Innenstadt eine Zigarette raucht. Ein typisches Bild des Chronisten, der das soziale Leben an der jungen HfG kontinuierlich einfing und dadurch dafür sorgte, dass wir uns heute ein anschauliches Bild von den Jahren bis 1958 machen können. Seine Fotografie beschränkte sich aber keinesfalls auf Dokumentation. Er fertigte auch unendlich viele formale Experimente mit dem – immer noch jungen – Gestaltungswerkzeug Kamera an und lotete die Grenzen des Mediums Fotografie für die Design-Vorstellungen aus, die im Unterricht der HfG formuliert wurden. Seine Strukturstudien zeigen zum Beispiel Weinberge im Winter, Motorradrennen auf dem Nürbergring, Ulm im Hochwasser der Donau und Frankfurt bei Nacht.

Im Laufe der Jahre porträtierte Conrad die meisten Dozenten und Gastdozenten der HfG. Zu den am häufigsten veröffentlichten Fotos zählen die Momente aus dem Unterricht von Max Bill, Otl Aicher, Johannes Itten, Josef Albers, Helene Nonné-Schmidt, Max Bense und Tomás Maldonado im Grundlehre-Unterricht; als Mies van der Rohe und Hugo Häring sich im Rohbau wieder trafen; als Charles und Ray Eames ihre Filme vorführten; als Buckminster Fuller einen Gastvortrag hielt; als der Bundespräsident Theodor Heuss der HfG einen inoffiziellen Besuch abstattete; sowie die Portraits Friedrich Vordemberge-Gildewartes in seinem Atelier inmitten seiner Werke.

Schon während des Studiums arbeitete Conrad für die Firma Max Braun als Designer. Otl Aicher und Hans Gugelot hatten bereits wesentliche Etappen für die Neuausrichtung des Unternehmens zurückgelegt. Dazu zählte auch die Präsentation auf der »Deutschen Rundfunk-, Phono- und Fernseh-Ausstellung« in Düsseldorf 1955. Die neue Generation der Produktion, angeführt vom Schneewittchensarg, war gerade erst angestoßen. Auf den Zeichnungen aus der HfG Ulm ist Conrad gleichberechtigt neben Aicher als Verfasser des Entwurfs für den Düsseldorfer Messestand aufgeführt. Darauf aufbauend entwickelten Aicher und Conrad gemeinsam ein modulares Messestandsystem für Braun.

Im Herbst 1957, nach seinem Studium an der HfG Ulm, ging Conrad zu Braun und arbeitete in Frankfurt am Main mit dem legendären Fritz Eichler zusammen. Conrads Zuständigkeit: Ausstellungen und Messen. Außerdem dachte das Team darüber nach, welche Geräte Braun noch entwickeln sollte. Drei weitere ehemalige HfG-Studenten arbeiteten damals auch bei Braun: Christoph Naske, Hermann Roth und Claus Wille.

1962 wechselte Conrad zur Lufthansa nach Köln und übernahm die Position des weltweiten Werbeleiters. Auch hier arbeiteten mittlerweile HfG-Absolventen an entscheidenden Stellen: Klaus Franck, Rolf Querengässer, Hermann Roth, Dolf Sass und Claus Wille. Conrad vermittelte Otl Aicher und dessen Entwicklungsgruppe E5 an der HfG Ulm den Auftrag, ein visuelles Erscheinungsbild für die Lufthansa zu entwickeln. Aichers Corporate-Identity-Konzept von 1962 mit der Hauptfarbe Gelb wurde allerdings nur rudimentär umgesetzt.

Conrad war 1969-72 auch Mitglied des Ausschusses für die Visuelle Gestaltung der Olympischen Spiele in München. Er wechselte von der Lufthansa 1970 zur Zeitschrift »Capital« als Mitglied der Chefredaktion und war verantwortlich für die Gestaltung. Die Jahre mit Johannes Gross als Chefredakteur waren eine Blütezeit des Magazins. Was die Zeitschrift »twen« für das Lebensgefühl der damaligen Jahre bedeutete, war »Capital« für die Wirtschaft. 1989 verließ Conrad den Verlag. Im Oktober 1992 erlitt er einen Schlaganfall, von dem er sich nicht mehr erholte. Hans G. Conrad starb am 26. Dezember 2003 in einem Pflegeheim in Köln-Rodenkirchen.

Conrad suchte nie das Rampenlicht der öffentlichen Aufmerksamkeit und geriet darüber zu Unrecht in Vergessenheit. Er liebte seine Arbeit und sagte: »Ich bin einer der glücklichen Menschen, deren Arbeit ihr Hobby ist.«

 

»Black and white signalizes the past. The situations captured in the images lie so far in the past, that eyewitnesses who could bring the picture to life for us through narration have become increasingly rare. Among the ten thousand plus photographs taken by Hans G. Conrad during his student years at the HfG Ulm (School of Design), there are a mere 61 color slides. These portray the famous architecture of Max Bill shortly after its completion, and have not as of yet been published – in contrast to several of his photos from the first years of the institute, which have since reached canonical status. However, Hans G. Conrad is barely known as a photographer. He was born on June 11, 1926, in the town of Remetschwil in the canton of Aargau in Switzerland, and grew up under impoverished circumstances. Not only his family‘s lack of money, but also the difficult economic conditions all over Switzerland until the post-World War II period, made their mark on his life. Conrad attended the Brown-Boveri factory school in Baden. Several works, but hardly any details from these years in the early 1940‘s have survived. Conrad came into contact with Max Bill in Zurich and became a close friend of the family. Bill‘s wife Binia gave him a dog, a Chow-Chow, who accompanied him in 1953 to the newly founded HfG Ulm. Because Conrad lived very frugally, he was soon able to afford a Leica. With it, he documented the initial phase in Ulm.

His first dated pictures are from the summer of 1953 and show Otl Aicher in a lab coat smoking a cigarette with some of the first students during a break on a balcony in central Ulm. A typical photo from the chronicler, who continuously captured social life at the young reform school, and who has made it possible for us today to get a vivid picture of the years until 1968. However, he by no means restricted himself to documentation, but he rather carrie-d out an endless amount of formal experiments and stretched the limits of the medium of photography for the design concepts which were formulated in the teaching at HfG. His structure studie-s depict, for example, vineyards in winter, motorcycle races at the Nürburgring, the city Ulm flooded by the River Danube and Frankfurt by night. Over the years, Conrad took portraits of most of the faculty and visiting faculty at the HfG. Among the most published photos are those of moments from the basic principles lectures by Max Bill, Otl Aicher, Johannes Itten, Josef Albers, Helene Nonné-Schmidt, Max Bense and Tomás Maldonado. He was on hand with his camera when Mies van der Rohe and Hugo Häring met again in the building shell, when Charles and Ray Eames showed their films, when Buckminster Fuller held a guest lecture and as the Federal President Theodor Heuss made an unofficial visit to the HfG.

Conrad began working as a designer for the firm Max Braun during his student years. Otl Aicher and Hans Gugelot had already prepared the essentials for a new orientation of the company. Among these was the presentation for the German Broadcasting, Recording and Television Exhibition in Düsseldorf in 1955. The new design language, of which the SK 4 later became a symbol, had just been developed. Conrad was named with Aicher as co-designer of the HfG Ulm plans for the Düsseldorf trade fair stand. Building on this, Aicher and Conrad jointly developed a modular trade fair stand system for Braun. In fall 1956, after completing his studies at the HfG Ulm, Conrad joined Braun and worked in Frankfurt/Main with the legendary Fritz Eichler. Conrad‘s area of responsibility was exhibitions and trade fairs. Additionally, the team considered which appliances Braun should develop next. In 1962, Conrad moved to Lufthansa in Cologne and assumed the position of global advertising director. HfG graduates had also come to hold important positions there: Klaus Franck, Hermann Roth, and Claus Wille. Conrad extended his initial brief – advertising, posters, show window decorations – considerably, such that he was responsible for the painting of aircraft and on-board crockery. In this context he commissioned Otl Aicher and his development group E5 at HfG Ulm to develop a visual image for Lufthansa. The implementation of this 1962 concept took several years. Aicher later regretted that his proposal to paint the tail units yellow was never realized. From 1969 to 1972, Conrad was also a member of the committee for visual design of the Olympic Games in Munich. In 1970 he moved to the magazine Capital where he was in overall charge of design. The years with Johannes Gross as Editor-in-Chief were the heyday of the magazine. What the publication twen meant for the spirit of the times, Capital was to the economy. In 1989, Conrad left the publishing house. In October 1992, he suffered a stroke from which he never fully recovered. Hans G. Conrad died on December 26, 2003 in a nursing home in the Rodenkirchen district of Cologne. He never sought the limelight of publicity. These color pictures, however, draw attention to a great designer and an emblematic building in its original condition.

His first dated pictures are from the summer of 1953 and show Otl Aicher in a lab coat smoking a cigarette with some of the first students during a break on a balcony in central Ulm. A typical photo from the chronicler, who continuously captured social life at the young reform school, and who has made it possible for us today to get a vivid picture of the years until 1968. However, he by no means restricted himself to documentation, but he rather carrie­d out an endless amount of formal experiments and stretched the limits of the medium of photography for the design concepts which were formulated in the teaching at HfG. His structure studie­s depict, for example, vineyards in winter, motorcycle races at the Nürburgring, the city Ulm flooded by the River Danube and Frankfurt by night. Over the years, Conrad took portraits of most of the faculty and visiting faculty at the HfG. Among the most published photos are those of moments from the basic principles lectures by Max Bill, Otl Aicher, Johannes Itten, Josef Albers, Helene Nonné-Schmidt, Max Bense and Tomás Maldonado. He was on hand with his camera when Mies van der Rohe and Hugo Häring met again in the building shell, when Charles and Ray Eames showed their films, when Buckminster Fuller held a guest lecture and as the Federal President Theodor Heuss made an unofficial visit to the HfG.

Around 10,000 photos from Hans G. Conrads days at university show the HfG building in construction as well as the flowering period of the design college. The index reads like a who‘s who of design history: Otl Aicher and Max Bill, Johannes Itten, Josef Albers, Max Bense, Charles and Ray Eames and Helen­e Nonné-Schmidt. Today everyone knows of Conrads black-and-white pictures, his 61 color slides had, on the other hand, remained unpublished until today.«

 

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Prof. Dr. René Spitz

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