18.02.2014

Publikation # [390]

Rezension: »Die Geschichte des nachhaltigen Designs. Welche Haltung braucht Gestaltung?« Hg. von Simone Fuhs, Davide Brocchi, Michael Maxein, Bernd Draser, Bad Homburg: VAS, 2014.
Veröffentlichung in: WDR 3 »Scala«, 18.2.2014
www.wdr3.de



Zu dieser Publikation
Design kann nicht nur zum Anheizen des schnellen Konsums dienen. Mit Design lässt sich auch Nachhaltigkeit fördern. So lautet die Behauptung.

Nun lässt sich aber nicht bestreiten, dass Design für die meisten Menschen weitgehend in Verruf gekommen ist: Als ein verführerischer Trick, um die Oberflächen schick aussehen zu lassen und eine minderwertige Ware zu verbergen. Ausgerechnet Design als eine treibende Kraft des ressourcenverschwendenden Lebensstils der westlichen Industriegesellschaften soll jetzt dazu beitragen, die Kehrtwende zu bewältigen? Ist das nicht eine ziemlich Fallhöhe, für das, was sich die als Pixelschieber und Kantenschleifer verschrieenen Designer da vorgenommen haben?

Tatsächlich gehört aber seit mehr als 150 Jahren zum weltweiten Design auch die tiefe Überzeugung, dass die Dinge, mit denen wir uns umgeben, eine substantiell nachhaltige Lebensführung ermöglichen und erleichtern sollen. So offenbart der Blick in die Geschichte des Designs, dass eine neue oder andere Haltung für nachhaltige Gestaltung überhaupt nicht erfunden werden muss.

Das Konzept, das mit dem Buzz-Wort Nachhaltigkeit verbunden ist, enthält immer auch eine moralische Dimension, weil an die Menschen appelliert wird, ihre Lebensführung zu ändern. Darin liegt die erste Schwäche.

Eine zweite Schwäche – neudeutsch: Herausforderung – liegt in der Notwendigkeit, dass für veränderte Umstände auch neue ästhetische Werte und Lösungen entwickelt werden müssen. Bis die Avantgarde zum Mainstream geworden ist, vergeht viel Zeit.

Ganz zu schweigen von dem grundsätzlichen Dilemma, dass der drohende Kollaps nicht durch solche Resultate verhindert werden kann, die genau der Logik folgen, welche die Ursache für die akute Situation darstellt. Das Nachhaltigste wäre es eben doch, wenn sich die Menschheit vom Planeten Erde verabschieden würde. Weil diese Konsequenz keine Lösung ist, muss es eine Alternative zur »alchemistischen Fiktion« (Harald Welzer) geben, wonach Wirtschaftswachstum und Ressourcenverschwendung entkoppelt werden könnten: Auch das erneuerbarste Produkt ist über kurz oder lang Technikschrott. Weil das Geschäftsmodell zu vieler Unternehmen auf der Ausbeutung fossiler Brennstoffe beruht, werden wir die Folgen des Klimawandels nicht beherrschen. Die verführerische Anziehungskraft des westlichen Wohlstandsniveaus ist so hoch, dass seine Globalisierung den blauen Planeten unbewohnbar machen wird. An dieser Stelle befindet sich der Brennpunkt der gesellschaftlichen Verantwortung der Gestalter heute.

 

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Prof. Dr. René Spitz

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