02.04.2014

Publikation # [396]

Rezension: Dietmar Dath, Oliver Scheibler: »Mensch wie Gras wie«, Berlin: Verbrecher-Verlag, 2014.
Veröffentlichung in: WDR 3 »Mosaik«, 2.4.2014
www.wdr3.de



Zu dieser Publikation
Der Publizist Dietmar Dath hat in den vergangenen 25 Jahren schon die verschiedensten Formen literarischer Produktion ausgelotet. Mehr als 15 Romane enthält sein aktuelles Werkverzeichnist, dazu Theaterstücke, Bücher und Essay über wissenschaftliche Themen, zahlreiche Artikel fürs Feuilleton und einen Gedichtband. Jetzt hat er zusammen mit dem Kölner Zeichner Oliver Scheibler erstmals einen Comic veröffentlicht.

Es ist eine Geschichte über Liebe, Freundschaft, Treue, unsere Gesellschaft – und über das Geschichtenerzählen. Im Mittelpunkt steht die Biologin Elin. Sie ist Ende 20/Anfang 30 und arbeitet in Tokyo an der gentechnischen Veränderung von Gräsern. Um sie herum befinden sich drei Männer:

- Martin/Martina, mit dem Elin seit dem neunten Lebensjahr befreundet ist. Martin/Martina ist sexuell nicht eindeutig festgelegt: Geboren als Martin, vom Verhalten her Martina. Die Spielregel fürs Zusammensein lautete: Elin verhält sich lesbisch und Martin verhält sich als Martina. Nach dem Abschluss ihres Studiums und mit der Annahme des Angebots, in Tokyo zu arbeiten, ist aber für Elin der Zeitpunkt gekommen, dieses Spiel für beendet zu erklären. Für Martin/Martina war es allerdings kein Spiel, sondern ernst.

- Thomas, Kollege am Institut in Tokyo, wo er als Bioinformatiker arbeitet. Im Laufe der Zeit muss er sich vom Haupt-Investor des Unternehmens sagen lassen, dass seine Arbeit völlig wert- und sinnlos ist und dass er nur zum Dank dafür beschäftigt wird, dass es ihm gelungen war, Elin ans Institut zu vermitteln.

- Der Hauptkapitalgeber des Instituts, Farczady, der vorgibt, dass er die Welternährungsprobleme durch die Entwicklung von gentechnisch manipuliertem, höchst resistenten Gras lösen will. Tatsächlich jedoch dürfen wir unterstellen, dass er sich wie der Schnitter im Felde des Herrn sieht, als Repräsentanten der Macht, für den der Mensch wie Gras ist, das er nach Belieben mähen kann, damit er Geld wie Heu machen kann.

Nachdem Martin/Martina und Elin sich nach drei Jahren wieder treffen, will er sie vor etwas warnen, was er über ihre Arbeit am Utah-Gras herausgefunden hat. Sie treffen sich und fahren aus der Stadt. Im Auto gerät er außer sich beim Versuch, ihr seine Erkenntnis mitzuteilen, dass er Elin aufregt und vom Autofahren ablenkt. Es kommt zum Unfall. Elin überlebt, Martin stirbt. Elin kehrt zurück ins Labor. Sie stiehlt einige genmanipulierte Samen, wohl wissend, dass die Arbeit daran noch nicht abgeschlossen ist. Kurzerhand tötet sie den Investor, den sie Wolf nennt, besteigt die Plattform des Institut-Hochhauses und verstreut die Samen in alle Winde. Sie überwuchern die Erde und beenden dadurch das menschliche Leben: Die Pyramiden, der rote Platz und die Oper von Sydney werden gleichermaßen vom super-resistenten Grasmeer überflutet.

So einfach diese Geschichte erzählt ist, so vielschichtig sind darin und damit thematisierten Bezüge und Bedeutungsebenen. Der Comic ist keine bunt ausgemalte Bildergeschichte in der Art eines Storyboards für einen Film. Er erzählt zwar eine Geschichte, aber es geht nicht darum um den Plot, um die Story. Die Art und Weise des Erzählens – eben nicht nur mit literarischen, sondern vor allem mit visuellen Mitteln – eröffnet die Möglichkeit, mehrere Bedeutungsbenen über einander zu schichten, so dass mehrere Stränge parallel verarbeitet werden können: Die Abfolge der Geschehnisse, die Sichtweisen und Gedanken der Protagonisten, die Ansichten des Autors und des Zeichners (welche nicht deckungsgleich sein müssen) sowie die Aneignung all dessen durch den Leser.

- Bei den Zeichnungen Oliver Scheiblers handelt es sich um schwarz-weiße Tuschezeichnungen: »Schwarzweiß halte ich für eine Möglichkeit, mit reduzierten Mitteln ganz starken Ausdruck herzustellen. Und koloriert sieht für mich oft wie ausgemalt aus. Das versuche ich, so zu schaffen, also durch Schwarzweiß im Grunde eine Farbigkeit herzustellen. Das Titelblatt ist interessanterweise mit ganz wenig Schwarz hergestellt mit der Absicht, zu zeigen, dass in dem Titel zwar Farbe, aber wenig Schwarz stattfindet.« Diese Konzentration der gestalterischen Mittel steht im Kontrast zu den Figuren, die gerade nicht schwarz-weiß (gut/böse, nett/unsympathisch) erscheinen, sondern facettenreich grau-gemischt erlebt werden: Der Schöne kann nett und böse sein, die Unsympathische kann das Richtige tun.

- Die Handlung wird nicht linear von Anfang bis Ende erzählt (davon abgesehen: das Ende ist natürlich offen). Der Leser muss sich selbst den chronologischen Ablauf konstruieren aus den dargestellten Abfolgen, Vor- und Rückblenden.

- Darüber hinaus beherrschen innere Schauen – die Visionen genannt werden sollten – und autoritär eingestreute Assoziationen des Zeichners/Erzählers die Rezeption. Z.B. trägt bei einem Bild, das Martin/Martina und Elin inmitten von Fußballfans auf einer Stehtribüne im Stadion zeigt, ganz selbstverständlich einer der Zuschauer keinen menschlichen Kopf, sondern den eines Adlers. Der Autounfall ist kein lautes Krachbummzisch, sondern Stille mit zwei Bildern von einem Ei, das in der Pfanne aufgeschlagen wird.

Beim Vorstellungsgespräch zwischen Elin und dem Investor sehen wir diesen unvermittelt von einer Zellstruktur eingerahmt: Es ist das, was Elin sieht oder was sie mit ihm assoziiert. Der Gedanke an Japan bringt ein Bild von Godzilla hervor, der Tokyo zerstört – aber die ungeheure Gewalt, die das Leben in Japan heute bedroht, trägt nicht mehr den Namen eines Monsters, sondern eines Orts: Fokushima. Folgerichtig sehen wir Bilder von den surreal anmutenden Versuchen, wie sich heute unterbezahlte und schlecht ausgerüstete Lohnknechte um die »Reinigung« des Katastrophenorts bemühen.

Dadurch leistet der Comic etwas Eigenständiges, verglichen mit der literarischen Erzählung oder der figurativen Illustration: Diese Darstellungsweise visualisiert, dass der Glaube an Eindeutigkeiten, Gewissheiten und Vorhersagen nicht mehr hilft, um die Gegenwart zu bewältigen. Die unfassbare und verabscheuungswürdige Gewalt hat heute nicht mehr das Antlitz eines riesenhaften Reptils, und unsere Wahrnehmungs- und Verständigungsebenen haben sich längst ins Surreale verschoben. Wir müssen in Frage stellen, wer überhaupt erzählt und welche Aussagen mit welchen Bildern vermittelt werden. Die Zeichnungen Scheiblers sind die angemessene Visualisierung für die Fragen, welche die Handlung aufwirft, Fragen nach Kontrolle, Macht, Hierarchien, dem Sinn von Wissenschaft und unserer äußerst arbeitsteiligen Gesellschaft. Der Investor ist mal smart, mal hip und mal Alphatier. Ein Technokrat der Machtausübung, und auch darin keine Person mit eindeutigem Standpunkt, vermutlich nicht mal mit eigenem Willen.

Zuletzt bleibt die Erkenntnis, dass wir auf Fiktion nicht verzichten können. Ausgedachte Geschichten zeigen uns, dass alles auch ganz anders sein könnte. Wenn es nicht so wäre, gäben wir unseren Glauben an den freien Willen und die menschliche Urteilskraft auf: Eine Kapitulation vor den Diktatoren der statistischen Wahrscheinlichkeit.

 

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Prof. Dr. René Spitz

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